In dieser Ausgabe:
>> Artcouture
>> Comics für Louis Vuitton
>> Issey Miyakes Laufstegkunst
>> Die Muse der Mode: Claudia Skoda
>> Der Labelpirat Olaf Nicolai

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Lost in Translation oder wie ich Murakami fand


Innerhalb kürzester Zeit wurde der Japaner Takashi Murakami mit seinen von Manga-Comics inspirierten Figuren und Wandmalereien in den westlichen Museen bekannt. Nach zahlreichen Biennalen und Ausstellungsbeteiligungen hat er dann im vergangenen Sommer den großen Coup gelandet: Auf Einladung des Designers Marc Jacobs wurde ihm die Gestaltung für Louis Vuitton Handtaschen und Accessoires übertragen. Seither gilt Murakami als Popstar, der zwischen Kunst und Mode operiert. Demnächst wird er sogar mit einem Animationsfilm in Hollywood Furore machen. Cheryl Kaplan hat sich mit Takashi Murakami und seinem Galeristen Tim Blum über den Reiz von Massenkultur und die verführerische Allmacht des Modedesigns unterhalten.



Takashi Murakami: LV Monolith, 2003, Courtesy Kaikai Kiki.
(c)2003 Takashi Murakami. All Rights Reserved.

Der Gepäckträger in der New Yorker Penn-Station gibt mir den Tipp. Atemlos sagt er: "Gleis 8 West". Ich halte eine zartrosa Blume und Blätterteiggebäck für Takashi Murakami bereit. Die Menge der Passagiere wächst, aber es sind nur vier Japaner darunter, und keiner von ihnen ist Takashi Murakami oder Gen Watanbe, der für ihn das Kaikai Kiki Atelier leitet. Seit den Beatles hat niemand so geduldig auf eine Ankunft gewartet. Es ist beinahe 12:03 Uhr, der Acela-Express nach Boston hat zwei Minuten Verspätung. An der Fahrkartenschleuse schlüpfe ich zur Plattform durch, während hinter mir der Fahrstuhl verschwindet. Von Murakami keine Spur. Es ist 12:16 Uhr. Ich fühle mich irgendwo zwischen Down By Law und Lost in Translation.

Einige Tage zuvor hatten eine Horde junger Mädchen, ein paar Männer und noch diverse Kinder in der Marianne Boesky Gallery die Eröffnung von Tokyo Girls Bravo gefeiert, für die Murakami eine Gruppe aus zehn aufstrebenden japanischen Künstlern zusammengestellt hatte. Das Ereignis wurde von den Ausstellungen Gallery Swap bei LFL und Emmanuel Perrotin in Paris begleitet. Auf jedem Quadratzentimeter waren so viele Handys und Digital-Kameras in Anschlag gebracht, dass sich praktisch jeder hier wie ein Star fühlen durfte. Doch das Event kam nicht annähernd an die von Louis Vuitton gesponserte Murakami-Eröffnung bei Boesky heran, bei der im vergangenen Frühjahr die Prominenz mit Murakamis Handtaschen unter dem Arm ein Glas Moet-Champagner zu balancieren versuchte.



Julian Schnabel (rechts) und Ingrid Sischy (Redakteurin der Zeitschrift "Interview")
bei der Eröffnung von Takashi Murakamis Ausstellung bei Marianne Boesky Gallery, 2003
Foto: Patrick McMullan

Murakami pendelt zwischen zwei Metropolen: In seinem Williamsburger Kaikai Kiki Atelier in New York hat er 15 Angestellte - wobei Kaikai Kiki auf einen Begriff aus der Edo-Zeit zurück geht und so etwas wie exzentrisch, aber auch kitschig meint, inzwischen aber für eine farbenfrohe junge Mode steht. In Tokio arbeiten 40 Beschäftigte für ihn. Murakami selbst beherrscht die gesamte Skala, wechselt zwischen Kunst, Mode und Unterhaltung. Mittlerweile hat er mit dem Geisai-Festival sogar eine eigene Kunstmesse ins Leben gerufen.


Imitationen von Louis Vuitton - Taschen auf New Yorker Strassen , 2004 / Foto: Cheryl Kaplan

Im letzten Jahr wurde die Balance zwischen Kunst und Mode von ihm noch weiter zum Kippen gebracht: Damals wurde er von Marc Jacobs' Assistenten zu einer Zusammenarbeit für das Pariser Modehaus Louis Vuitton eingeladen, das seit 150 Jahren Luxus-Accessoires herstellt. Damit war Murakami der dritte Künstler, bzw. Designer, den Jacobs seit seinem Einstand als künstlerischer Leiter bei Louis Vuitton 1998 für ein Projekt konsultiert hatte. Sein eigenes Debüt in der Modewelt hatte Murakami allerdings schon im Jahr 2000 bei seiner Kooperation mit Naoki Takizawa für Issey Miyake .


Stoffdesign von Takashi Murakami für Issey Miyakes Männer-Kollektion, 2000,
Foto: Robert Tecchio (c) courtesy Issey Miyake by Naoki Takizawa
in collaboration with Takashi Murakami

Murakami, der mit Jeff Koons, Andy Warhol und selbst Walt Disney verglichen wurde, nutzt den Westen, um die Verhältnisse im Osten aufzubrechen, zumal er Japan als "kulturell impotent" ansieht. In seiner Arbeit macht er den japanischen Niedlichkeits-Kult zu einem Fetisch und stellt sie damit bloß. Alles basiert bei ihm auf seinem "Superflat"-Konzept, das vom Zusammenspiel aus lauter Oberflächen angetrieben wird. Die Darstellungen haben keine Tiefe, nicht einmal perspektivische Wirkungen. Statt dessen werden nur immer neue Comic-Charaktere und Zeichen auf Leinwänden oder Wandbemalungen angehäuft, bis die Bilder zu explodieren scheinen. Damit stellt sich Murakami hinter die japanische Otaku-Kultur, bei der vor allem Jugendliche einen manischen Fetischismus und obsessives Fantum in Sachen Comic oder Science-Fiction ausleben, indem sie von bestimmten Comic-Helden sämtliche Merchandising-Produkte kaufen.

Wie schon bei anderen Künstlern zuvor - von Jean Cocteau und der Modedesignerin Elsa Schiaparelli bis hin zu Andrea Zittels selbstgemachter Kleidung oder der heftigen Prada-Umarmung durch Tom Sachs, den fliegenden Händler in Sachen Kunst - ist die Mode für Kunst keine Unbekannte.

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