In dieser Ausgabe:
>> Artcouture
>> Comics für Louis Vuitton
>> Issey Miyakes Laufstegkunst
>> Die Muse der Mode: Claudia Skoda
>> Der Labelpirat Olaf Nicolai

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Stil leben: Olaf Nicolais konzeptuelle Modearbeiten


Mode, Marken und Labels sind das Material für Olaf Nicolais Objekte und Konzeptarbeiten. Dabei interessiert ihn, wie sich Individualität und Gesellschaft kulturell immer wieder neu verschränken. Harald Fricke hat sich mit dem Berliner Künstler über Prada-Raubkopien, die Aura von Turnschuhen und die"feinen Unterschiede" in Kunst und Mode unterhalten. Hinter dem allgegenwärtigen Sozio-Design verbirgt sich für Nicolai eine paradox anmutende Frage: "Kann man positive Entfremdung herstellen?"


Olaf Nicolai: Stilleben - A Sampler, Detailansicht, 2000
courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin
©Olaf Nicolai

Das Paar lebt in Le Corbusiers 1930 errichteter Villa Savoye im Pariser Vorort Poissy. Sie trägt einen Seidenschal von Mila Schoen, dazu ein langes, ärmelloses Kleid mit versetzten Armlöchern von Martin Margiela; er hat ein Wolltop von Bless an, graue Shorts von Six Eight Seven Six und Adidas-Turnschuhe. Das Bett wurde von Michael Marriot entworfen, die Seidenbezüge sind von Nicole Farhi. Im Hintergund läuft Musik von Benjamin Britten, auf dem Fernseher sieht man Szenen aus Gerard Damianos Pornoklassiker Deep Throat. Die Aufzählung findet sich nicht in Bret Easton Ellis' Skandalbuch Glamorama, sondern sie stammt aus der im Jahr 2000 entstandenen Textarbeit Stilleben, für die Olaf Nicolai verschiedene Musterbeispiele von "Räumen", "Menschen" und "Objekten" kombiniert und auf Doppelbögen gedruckt hat, die nach der exquisiten Pantone-Farbpalette abgestimmt wurden. Das Grauen der Gewalt, das bei Ellis auf solche Beschreibungen im Roman folgt, bleibt bei Nicolai der Vorstellung des Betrachters überlassen. Aber mit dem US-Schriftsteller teilt er ganz gewiss die eine Erkenntnis: "The better you look the more you see".


Olaf Nicolai: Nach der Natur I, 1997,
VG Bild-Kunst, Bonn 2000, Sammlung Deutsche Bank
©Olaf Nicolai


Olaf Nicolai: Präparat/Instrument, 1993
Sammlung Deutsche Bank
©VG Bild Kunst, Bonn

Genau hinsehen, keine Vorurteile hegen, genau analysieren. Für Nicolai, der in den 90er Jahren mit raffinierten Pflanzenbildern bekannt wurde, sind die feinen Unterschiede, die sich in der Welt des Designs, der Mode und überhaupt im Konsum finden, das Material für künstlerische Beschäftigung. Mit aufwändig bepflanzten Lavasteinen war er 1997 auf der von Catherine David geleiteten documenta X vertreten; 1999 entwarf er für die Bundesgartenschau in Magdeburg mit Smell ein spezielles Parfüm für Bäume, das damals auch in Lifestyle-Magazinen beworben wurde. Seit seinem Stilleben-Projekt arbeitet der 1962 in Karl-Marx-Stadt geborene Künstler verstärkt mit Versatzstücken aus der Mode, deren Schnittmuster, Labels und Marken für ihn Ausdruck eines heutigen "Sozio-Design" sind. Teure Marken, schicke Labels und exquisite Schnittmuster wohlgemerkt, denn Nicolais Untersuchungen, Objekte und Environments beziehen sich auf Lebensentwürfe von Personen im Kunstkontext.




Olaf Nicolai: Big Sneaker (The Nineties), 2001,
courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin
©Olaf Nicolai


Dazu gehört auch die aufblasbare Skulptur Big Sneaker (The Nineties) , die 2001 bei Einzelausstellungen in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig und im Züricher Migros-Museum zu sehen war. Als Hüpfburg für Kinder konzipiert, schien sich der Raum zum Event- Spielplatz verwandelt zu haben, in dem der Sportkonzern Nike durch den überdimensionalen Turnschuh omnipräsent war. Während die jungen Besucher auf der neun Meter langen und drei Meter hohen Skulptur herumtoben konnten, hatte Nicolai die Wände mit dem Auszug aus einem Essay von Zadie Smith beschriftet. Darin widmet sich die britische Autorin in einem fiktiven Dialog den Wünschen und Sehnsüchten, die in ihrer Hoffnung, durch Konsum befriedigt zu werden, paradox zirkulieren.

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