In dieser Ausgabe:
>> Artcouture
>> Comics für Louis Vuitton
>> Issey Miyakes Laufstegkunst
>> Die Muse der Mode: Claudia Skoda
>> Der Labelpirat Olaf Nicolai

>> Zum Archiv

 
Es sind die Kleider, nicht die Leute: Wie der Fetisch Mode seine Spuren in der Kunst hinterlässt


Bei den Modenschauen in Paris, Mailand, New York oder London sitzt nicht nur Fachpublikum in der ersten Reihe. Immer häufiger nutzen Künstler, Popstars und andere Celebrities die Nähe zum Laufsteg als Plattform ihrer Selbstinszenierungen. Sicher ist der Kult um Prominenz dafür ein kaum zu unterschätzendes Kriterium in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Doch neben dem Glamour, der zumindest von Massenmedien immer noch am stärksten mit Mode assoziiert wird, geht es ganz pragmatisch auch um einen Austausch, der auf Gegenseitigkeit beruht: Harald Fricke über die Affinitäten zwischen Kunst und Mode und den Weg zur "Artcouture".



Vivienne-Westwood-Modenschau / Foto: Bettina Allamoda / VG Bildkunst

Die gepolsterten Jacken und strassbesetzten Accessoires von Donatella Versace werden vermutlich schon in wenigen Wochen im neuen Videoclip von Missy Elliott zu sehen sein, die sie damit zum "Must-Have"-Dress der Saison erhebt. Bei der britischen Künstlerin Tracey Emin geht die Liebe zu Kleidern von Vivien Westwood so weit, dass sie bereits für Kollektionen der Londoner Modemacherin selbst als Model gearbeitet hat. Nebenbei hat sie damit unter ihren eigenen Sammlern und vor allem Sammlerinnen für Westwood eine zusätzliche Klientel in der Kunstwelt erschlossen.


Karen Kilimnik: What the Hell, 1990
Sammlung Deutsche Bank
©Monika Sprüth und Philomene Magers


Wie sehr der Fetisch Mode seine Spuren in der Kunst hinterlässt, davon zeugen die Arbeiten Karen Kilimniks. Ihr obsessives Fantum richtet sich auf die Beauty-Versprechungen der Hochglanzmagazine, ihre Gewährsfrau für Fame durch Fashion ist Kate Moss . Über Jahre hat Kilimnik auf unzähligen Zeichnungen den Look des Supermodels festgehalten, das sich für Vogue, Cosmopolitan oder Calvin-Klein- Kampagnen scheinbar unentwegt neu erfindet. In der Direktheit, mit der die Künstlerin ihr "Vorbild" bewundert, liegt nicht einmal Ironie. Die Naivität der Darstellung in den fast rührenden, mädchenhaften Zeichnungen macht nur umso deutlicher, wie sehr Moss zum Ersatzobjekt für Kilimnik geworden ist. Dennoch liegen in der manischen Wiedergabe die Mechanismen offen zu Tage, mit denen in der Mode Schönheit fast industriell den Modellen eingestanzt wird. So finden sich auf Kilimniks Zeichnungen akribisch notierte Listen der Ingredienzen, die Moss zum Star machen:

der Lip-Gloss von Ambrosia , das Rouge von Elizabeth Arden . Wie bei einem luxuriösen Essen werden die Zutaten verraten, aus Farben, Cremes, flippigen Mützen und Halsbändern kreiert die Mode ihre Mythen. Es ist eine Materialschlacht mit Kosmetik und Stoffen, die von Kilimnik konsequent ins Feld der Malerei übertragen wird.



Marc Jacobs und Claus Lahrs bei der Eröffnung von Takashi Murakamis Ausstellung,
Marianne Boesky Gallery, New York, 2003, ©Foto: Patrick McMullan


Umgekehrt nutzen Bands wie Red Hot Chili Peppers auf der Suche nach extravaganten Images die Bildwelt der Kunst. In ihrem letzten Musikvideo Can't Stop hat die Gruppe eine seltsame Verkleidungs-Performance nachgestellt, die auf Arbeiten von Erwin Wurm zurückging. Der österreichische Bildhauer wiederum nimmt mittlerweile Aufträge aus der Mode an, unter anderem hat er für Marc Jacobs eine Werbung mit Oberhemden in Szene gesetzt, die er völlig zweckentfremdet als Hose trug. Damit erweist sich Wurm als der ein wenig clowneske Nachfolger von Andy Warhol, der schon 1981 Reklame für die Hemdenfirma van Laack gemacht hat, bevor er sich zwei Jahre später als Model der New Yorker Agentur Zoli buchen ließ. Und Helmut Lang wirbt seit Jahren schon für coole Jeans mit Selbstportraits und Bildern aus dem Nachlass des verstorbenen Fotografen Robert Mapplethorpe. Ein Ende im Crossover der "artcouture" ist jedenfalls nicht in Sicht.


Red Hot Chili Peppers:
Stills aus dem Video "Can't Stop", 2003


Offenbar setzt Mode als Schnittstelle für Kunst und Popkultur einiges an Synergie frei: Die einen verbuchen das Ergebnis unter Lifestyle und zucken gleichgültig mit den Schultern; für die anderen gilt die Verbindung als Beleg einer Welt, in der die Gegensätze zwischen "high" und "low" ausgedient haben, in der jede Form von kultureller Äußerung zum Alltag gehört. Oder wie einmal mehr Warhol auf die Frage, ob Pop Art eine Mode sei, auf seine feinsinnige Art antwortete: "Ja, sie ist eine Mode, aber ich sehe nicht, was das für einen Unterschied macht". Mit dieser Auflösung der Bereiche wäre endlich eine Forderung der Moderne erfüllt - Kunst und Leben lassen sich nicht trennen. Alles ist Form, gerade deshalb kann man angesichts der Phänomene über Inhalte streiten.

[1] [2] [3] [4]