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Malen als Endspiel:
Nigel Cookes Pathologie des Untergangs



In den Verkleidungen eines flämischen Meisters oder eines zeitgenössischen Dantes führt der britische Maler Nigel Cooke den Betrachter in ein apokalyptisches Inferno, das sich in mikroskopisch kleinen Details auf der Bildoberfläche ausbreitet. Zur Zeit zeigt der Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank seine erste museale Einzelausstellung in der Tate Britain. Oliver Koerner von Gustorf über Cookes subversive Landschaftsmalerei.


Nigel Cooke:Sing the Pumpkin Song, 2003
Courtesy Modern Art London, © Nigel Cooke

Der Nährboden zukünftiger Welten ist der Zivilisationsschrott von gestern. Nigel Cookes grausam schöne Landschaftsgemälde gleichen den Momentaufnahmen einer finalen Survival- Show, nur dass die Kandidaten ein für alle Mal verloren haben und niemand sie hier raus holen kann. Die Szenerie erinnert an eine bizarre Version von Becketts Endspiel: Eingebettet in den verstreuten Schutt der Kultur- und Naturgeschichte, ragen Köpfe von Menschen aus dem Boden. Allesamt sind sie Prototypen einer jungen, hippen Medienkultur, die irgendwie aussehen wie Stars. Anstatt die Straßen von Brixton, Williamsburg oder Kreuzberg zu bevölkern, schießen sie auf Bildern wie Don't Mess with my Message (2002) wie bizarre Kohlköpfe aus dem Boden - abgehackt oder körperlos wuchernd, mit geöffneten Augen und Mündern, die Gesichtmuskulatur in Mienen erstarrt, in denen sich nichts außer dem Erdulden des Unvermeidlichen offenbart.


Nigel Cooke: Don't mess with my message (detail), 2002
Courtesy Modern Art London, © Nigel Cooke

Auf den ersten Blick wirken Cookes visuelle Inszenierungen wie Naturschauspiele von grandioser Weite und archaischer Kraft. Unter gewaltigen nächtlichen Himmeln, aus denen sich wie in Universe as Message Vista (2002) fluoreszierende Blitze entladen, oder über die sich bei Tageslicht ätherische Regenbogen ziehen, liegt die Erde als schmaler Streifen danieder, ödes Land, das an den Beginn der alttestamentarischen Schöpfungsgeschichte denken lässt: "...die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser."


Nigel Cooke: Black Grass, 2002 Courtesy Modern Art London, © Nigel Cooke

Der Teufel läge im Detail, bemerkte 2002 der Rezensent des artforum zu Nigel Cookes Ausstellung in der Londoner Galerie Modern Art. Tatsächlich wird erst bei genauerer Betrachtung der filigranen Strukturen auf diesen Gemälden deutlich, dass der Künstler mit der Akribie eines Chirurgen die Viren unaufhaltsamen kulturellen und biologischen Verfalls in sein Werk implantiert hat. Wie unter einem Vergrößerungsglas kristallisieren sich auf der Leinwand miniaturisierte Szenen heraus. In den Verkleidungen eines flämischen Meisters oder eines zeitgenössischen Dantes führt Cooke den Betrachter in die Niederungen eines apokalyptischen Infernos, das sich in mikroskopisch kleinen Details auf der Bildoberfläche ausbreitet.


Nigel Cooke: Sunset with Burnt Tree's, 2001, Sammlung Deutsche Bank
Courtesy Modern Art London, © Nigel Cooke

Die Erde ist bei ihm ein zivilisatorisches Grabfeld, der Schauplatz eines vorangegangenen Desasters, von Trümmern eines imaginären Fallouts übersät. Zivilisation und Ökologie sind gleichermaßen betroffen: Auf Scandalous Magic par Excellance (2001) werden der abgetrennte Kopf eines Rockers und der Kadaver eines Leoparden zwischen versprengten Holzsplittern, Geröll, Schnurresten und Papierfetzen vom weißen Licht eines einschlagenden Blitzes angeleuchtet. Das düstere Woodland Scream (2002) wird von einem fluoreszierenden Energiestrahl durchzuckt, der in die letzten verbliebenen Baumstümpfe einer verdreckten Brache einschlägt. Trotzdem birgt das Bild eine vermeintliche Idylle in sich. Inmitten der apokalyptischen Landschaft putzt sich ein Kaninchen friedlich zwischen jungen Grashalmen, die aus der verseuchten Erde empor sprießen.

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