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Ein Fluss ohne Erinnerung: Fabrizio Plessis "Traumwelt" im Berliner Martin-Gropius-Bau


Der italienische Videokünstler Fabrizio Plessi war schon 1970 im Experimentellen Pavillon der Biennale von Venedig zu sehen. Auch in der Sammlung Deutsche Bank sind seine Arbeiten vertreten. Jetzt wird er mit einer großen Übersichtsausstellung in Berlin gewürdigt.


Fabrizio Plessi

Immer wieder Wasser. Es fließt über Mosaiksteine hinweg auf den Bildschirmen, die Fabrizio Plessi für seine Videoarbeit Pompeij (1996) unter einem Laufgitter installiert hat. Wenig später sprudelt es auf den im Kreis arrangierten Monitoren zu Plessis Roma (1988), rauscht in der Videoskulptur Timaru (1999) als Bilderfluss durch einen ausgehöhlten Baumstamm oder bildet für "Manaus" aus dem gleichen Jahr einen digitalen Maelstrom. Denn das Wasser ist für den 1940 im italienischen Reggio Emilia geborenen Videokünstler "ohne Erinnerung, zeitlos".

Insgesamt 16 raumgreifende Installationen sind in Plessis aufwendiger Traumwelt-Ausstellung bis zum 31. Mai im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen. Jede der Arbeiten beschreibt einen Ort, den der Künstler in den letzten Jahren bereist hat, die Videokamera stets bei sich. So ist ein Tagebuch aus bewegten Bildern entstanden, das bei Plessi in skulpturalen Environments erscheint: Mal sind die Videomonitore von Reisigbündeln umgeben, wie etwa für Beysehir (1998/99); mal hat er an Ketten hängende Kammern aus Stahl gebaut, in denen für die Arbeit Sevilla (1996) auf Bildschirmen die Flammen der Verdammnis züngeln. Was immer ihm an antiker Schönheit, altertümlicher Zivilisation, aber auch an aktuellem sozialen Elend auf seinen Reisen begegnet ist, findet bei Plessi Eingang in seine von der Arte Povera geprägten Installationen.


Trotzdem will der Italiener damit nicht die Gegenwart dokumentieren, sondern magische Panoramen und imaginative Bezirke schaffen. Eine Traumwelt eben, von der Plessi sagt, dass sie die Visionen, Ängste und Hoffnungen aufzeigt, denen der Mensch in den Metropolen ausgesetzt ist. Dafür nutzt er Elemente einer spröden Natur und die scheinbar glanzlosen Formen hochindustrieller Settings, um sie mit seinen präzise eingearbeiteten Videos zu illuminieren. Ausgeblichene Hölzer, Trümmer aus Marmor und immer wieder nackter Stahl werden mit der virtuellen Bildsprache des Films kombiniert, so dass sich am Ende wie durch Zauberhand die Ruinen der Zivilisation mit moderner Technologie vereinen. Deshalb sieht sich Plessi in seiner Arbeit auch als ein Alchimist, der die unterschiedlichen Materialien "zusammen leben lassen möchte, wie kommunizierende Röhren". Denn auch wo soziale Spannungen ( Bronx, 1985) dominieren, geht es dem Künstler doch darum, "das geheime Bedürfnis nach Schönheit und Frieden zu antizipieren".


Fabrizio Plessi, La Flotta di Berlino, 2003

Als Herzstück der Ausstellung hat Plessi mit La Flotta di Berlino (2003) für den Lichthof im Martin-Gropius-Bau ein monumentales Schauspiel aus zehn venezianischen Lastkähnen und zahllosen Monitoren entworfen, zu dem Philip Glass einen betörend minimalistischen Soundtrack komponierte. Keine andere Arbeit zeugt so sehr von der Zeitlosigkeit, in keinem anderen Raum wird man mit der fast schon sakralen Macht der Zeichen des Verfalls und der darin schwelenden Glut des Neuanfangs konfrontiert. Dann ist Plessi zwischen Feuer und Wasser ganz in seinem Element. HF

Die Ausstellung "Traumwelt" von Fabrizio Plessi ist bis zum 31. Mai im Martin-Gropius-Bau zu sehen (Niederkirchnerstr. 7, 10963 Berlin). Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-16 Uhr, Sa/So 9-13 Uhr; der Katalog ist im Chorus-Verlag Mainz erschienen und kostet in der Ausstellung 25 Euro (Buchhandelspreis: 38 Euro).