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"Ein Torpedo, das sich durch die Zeit bewegt":
Das Museum of Modern Art in Berlin



Mit über 200 Werken gastiert die Sammlung des Museum of Modern Art, New York für sieben Monate in Berlin. Von der Deutschen Bank als exklusiven Sponsor unterstützt, verwandelt sich vom 20.2. bis 19.9.2004 Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Das MoMA in Berlin. Auf der einzigen Station der transatlantischen Kunstschau in Europa wird die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts unmittelbar erfahrbar - und der Mythos des bekanntesten Museums der Welt.


René Magritte: Der falsche Spiegel , 1928,
©VG Bild-Kunst, Bonn 2004


Die Sternennacht ist wahrscheinlich Vincent van Goghs berühmtestes und zugleich eines seiner geheimnisvollsten Gemälde, dessen Bedeutung wieder und wieder interpretiert wurde. In den Wirbeln des tobenden Nachthimmels, den van Gogh 1889 in der Heilanstalt von Saint-Rémy malte, spiegeln sich nicht nur die Visionen eines gequälten Geistes wider, sondern auch eine Vorahnung jener künstlerischen Umwälzungen, mit denen die sich entfaltende europäischen Avantgarde das anbrechende 20. Jahrhundert prägen sollte.

Nun kommt die Sternennacht mit über 200 Meisterwerken aus der Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art anlässlich eines großartigen Ausstellungsereignisses in die deutsche Hauptstadt. Vom 20. Februar bis 19. September 2004 zeigt das MoMA in der Neuen Nationalgalerie als einzige Station in Europa Ikonen der Kunst des vergangenen Jahrhunderts, darunter Cézannes Der Badende, Der Tanz von Matisse oder Lichtensteins Ertrinkendes Mädchen.



Roy Liechtenstein: Ertrinkendes Mädchen, 1963,
©VG Bild-Kunst, Bonn 2004,

Philip Johnson Fund (by exchange) und
Schenkung Mr. und Mrs. Bagley Wright © VG Bild-Kunst, Bonn 2003

Erstmals wird die Sammlung des MoMA in solch einer geschlossenen Form außerhalb Amerikas zu sehen sein. Der Einsatz des Vereins der Freunde der Nationalgalerie und die großzügige Unterstützung der Deutsche Bank AG ermöglichen eine besondere Pionierleistung: Für sieben Monate zeigt die Nationalgalerie auf ihrer gesamten Ausstellungsfläche herausragende Vertreter der europäischen Moderne und große amerikanische Künstler wie Pollock, Hopper , Cornell oder O'Keefe und verwandelt sich in Das MoMA in Berlin.

"Dieses Museum ist ein Torpedo, das sich durch die Zeit bewegt, seine Spitze die beständig voranschreitende Gegenwart, sein Schweif die sich beständig entfernende Vergangenheit der letzten fünfzig bis hundert Jahre", kommentierte der Gründungsdirektor des MoMA, Alfred Barr Jr., das von den Ideen des Bauhauses geprägte Konzept des Museums. Diese Bemerkung erscheint programmatisch für die transatlantische Kunstschau, die zugleich auf die gesellschaftlichen Entwicklungen einer durch Weltkriege und den Terror des Nationalsozialismus gezeichneten Epoche zurückblickt.

Der Weg durch die Ausstellung zeichnet den Kanon der Kunst des 20. Jahrhunderts nach. Beginnend mit van Gogh, Cézanne und Rousseau, als den heroischen Malern der Jahrhundertwende, folgen mit umfassenden Werkkomplexen die beiden Protagonisten des 20. Jahrhunderts, Pablo Picasso und Henri Matisse. Ein Leben lang in rivalisierender Freundschaft verbunden, war der um zehn Jahre ältere Matisse für Picasso der einzige Ebenbürtige unter den lebenden Künstlern. Von Matisse' Der Tanz (1909) geht es zu Picassos Drei Musikanten (1921) und Légers großem Gemälde Drei Frauen/Le Grand déjeuner (1921). Gleichzeitig sind die Metaphysiker des Jahrhunderts vertreten, Malewitsch mit seiner Suprematistischen Komposition Weiß in Weiß von 1918 und Mondrian mit der Komposition Nr.1 von 1926.



Salvador Dali: Beständigkeit der Erinnerung
(Persistance de la mémoire), 1931,
©Demart pro Arte B.V./ VG Bild-Kunst, Bonn 2004


Einen weiteren Höhepunkt bildet der Surrealismus. Neben Gemälden von Miró, Tanguy und Dalí mit seiner Beständigkeit der Erinnerung (1931) beschreiben die "Readymades" von Marcel Duchamp und die Phantastische Pelztasse von Meret Oppenheim (1936) eine absurde Welt, in der alles möglich ist. Die Begegnung dieser vor den Nationalsozialisten aus Europa geflüchteten Künstler mit den jungen amerikanischen Malern brachte schließlich die richtungweisende New Yorker Schule hervor. Jackson Pollocks Number I (1948) hat ebenso wie Barnett Newmans Broken Obelisk (1963-69), der die Besucher vor der Nationalgalerie begrüßen wird, und Robert Motherwells Elegie für die spanische Republik Geschichte geschrieben. Mit der Pop Art, mit Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Claes Oldenburg und anderen setzt sich der Siegeszug der amerikanischen Kunst bis heute fort. Die Ausstellung endet jedoch mit dem Werk eines deutschen Künstlers, mit Gerhard Richters Zyklus zur Roten Armee Fraktion 18. Oktober 1977 von 1988.

In der wieder vereinten Hauptstadt erschließen sich die Bezüge zwischen Berlin als Labor der Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts und den Wechselwirkungen europäischer und amerikanischer Kunst der Nachkriegszeit. Auf gewisse Weise erfüllt sich mit dem Ausstellungsort Berlin zugleich auch ein lange zurückliegendes Ansinnen - denn keinen anderen als Ludwig Mies van der Rohe, den Erbauer der Neuen Nationalgalerie, hatte sich Alfred Barr als Architekten seines New Yorker Museums gewünscht.


Die Ausstellung Das MoMA in Berlin wird vom 20.2. bis 19.9.2004 in der Neuen Nationalgalerie Berlin gezeigt. Öffnungszeiten Di/Mi/So 10-18 Uhr, Do/Fr/Sa 10-22 Uhr. Tickets sind auch im Deutsche Guggenheim erhältlich.


K.v.G.