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"Weltspitze" oder "untergehende Schönheit"? Der Erfolg der MoMA-Ausstellung in Berlin und die ersten Reaktionen der Presse im In- und Ausland

Es ist eine Ausstellung der Superlative. Seit der Eröffnung von Das MoMA in Berlin in der Neuen Nationalgalerie steht das Publikum schon morgens um neun Uhr an, um die 200 von New York nach Berlin ausgeliehenen Kunstschätze des 20. Jahrhunderts von Picasso und Matisse bis Georgia O'Keeffe, Andy Warhol und Gerhard Richter zu sehen. Am ersten Wochenende waren es über 15.000 Besucher, damit verspricht die Ausstellung, die noch bis zum 19. September läuft, in der Tat das Ereignis des Jahres zu werden.

Diese Begeisterung schlägt sich auch in einer Vielzahl von Presseartikeln nieder. Zunächst waren im Vorfeld eher skeptische Stimmen laut geworden. Hanno Rauterberg etwa orakelte in der Zeit: "aus den Ideen der Avantgarde ist ein Spektakel für Kunstfeinschmecker geworden - und ein Vehikel transatlantischer Freundschaftspflege", während sich Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das "seltsame Gefühl" mokierte, "wenn man in einem Carepaket die eigenen Sachen entdeckt". Erst mit der Vorbesichtigung, zu der über 500 Journalisten nach Berlin angereist waren, legte sich auch die erste Polemik über die hohen Kosten des Mammutprojekts. Mit großer Freude verkündete Bernhard Schulz im Tagesspiegel angesichts der Meisterwerke: "Ein Fest steht bevor, keine intellektuelle Prüfung", bei dem die Begegnung mit den Werken selbst, "mit all ihrer Aura", im Mittelpunkt steht.

Schmerzlich vermisst werden die Abteilungen Film, Fotografie, Design und Architektur, die das Museum of Modern Art in seiner frühen Geschichte so einzigartig machten und in Berlin keinen Wiederhall finden. Für Brigitte Werneburg in der taz läßt dieser Umstand "ein MoMA-Gefühl nicht aufkommen". Versöhnlich empfindet sie hingegen das umfangreiche unter dem Titel american Season gefasste Begleitprogramm zur Ausstellung, das "hilft, das Bild des 'MoMA in Berlin' ein wenig komplexer zu gestalten". Einig sind sich alle Stimmen aber darin, dass in der Neuen Nationalgalerie vor allem für die Präsentation der Gemälde ein kongenialer Rahmen gefunden wurde, den selbst das Museum of Modern Art manchen seiner Werke nicht bieten kann. Bernhard Schulz fasst es nach seinem Rundgang im Tagespiegel so zusammen: "Man wird in New York aufmerksam registrieren, dass die Schätze im Kunsttempel von Mies van der Rohe so grandios zur Geltung kommen, wie sie im eigenen Haus bisher noch nie zu sehen waren".

Für die ausländische Presse steht einhellig fest: Es hat sich gelohnt. Dem österreichischen Standard gilt Das MoMA in Berlin bereits als "die Mutter aller Blockbuster-Ausstellungen", wobei Bert Rebhandl in der Initiative neben aller künstlerischen Vortrefflichkeit auch kulturelle Beziehungen am Werk sieht, die Deutschland und die USA "zum Glück unterhalten". Denn für ihn hat sich das Museum of Modern Art "zur einzigartigen bürgerlichen Institution" entwickelt, während deutsche Museen "nach 1933 über ein halbes Jahrhundert lang den Folgen immer neuer politischer Wirren unterlagen".

Reinhard Frauscher scheint schon jetzt angesichts der enormen Vielfalt ein wenig melancholisch gestimmt zu sein, wenn er im Wiener Kurier schreibt, dass es eine solche Ausstellung "in Europa wohl nie wieder geben wird", bei der "fast lückenlos" in dem Stahl-Glas-Bau von Mies van der Rohe "ein Glanzstück dem anderen" folgt. Deshalb wünscht er der Ausstellung die anvisierten 500.000 Besucher: "Das wäre Berlin-Rekord und ein weiterer Beweis dafür, dass ein Museum ohne Staatsgeld Weltspitze sein kann".

Für den italienischen Corriere della Sera war Paolo Valentino in der Ausstellung mit Werken aus der, wie er schreibt, "in der ganzen Welt am meisten gefeierten Sammlung von moderner Kunst". Besonders bezaubert hat ihn Edward Hoppers Gemälde Das Haus am Bahndamm, das für ihn eine Ikone aus der US-amerikanischen Zeit der Depression darstellt. Für seine Kollegin Francesca Sforza von La Stampa lag das Augenmerk am Eröffnungsabend ebenso sehr auf Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit, der "mit einem Cuba Libre" die Ankunft des MoMA in Berlin gefeiert hatte. Denn auch Sforza wertet die Ausstellung als ein geglücktes Symbol "kultureller und politischer Annäherung" - und als "wichtige Zusammenführung der Moderne" an einem ihrer Originalschauplätze, von dem aus die Kunst während der Hitler-Diktatur nach New York emigriert war. Zugleich sind ihr die jugendlichen "MoMAnizer" angenehm aufgefallen, die dem Publikum als Tour-Guides mit Auskünften zu den Arbeiten helfen sollen.

Die Werke, die "zweifellos den Kanon der klassischen Moderne markieren", finden in der Berliner Neuen Nationalgalerie für Sandra Ellegiers von der spanischen El Pais einen angemessenen historischen Rahmen. Ein wenig betrübt zeigt auch sie sich über das Fehlen von den für das New Yorker Museum so charakteristischen Bereiche: "der Film, die Fotografie, die Bücher, sogar die Radios und Staubsauger, eben alle von ästhetisch-historischem Interesse erscheinenden Bereiche der visuellen Künste" sind zugunsten der "klassisch kunstgeschichtlich präsentierten" Ausstellung ausgeklammert.

Dagegen mag Claudia Schwartz von der Neuen Züricher Zeitung der MoMA-Ausstellung lieber ein paar ironische Seiten abgewinnen. Für sie ist Roy Lichtensteins Gemälde Ertrinkendes Mädchen als "stolz untergehende Schönheit" ein Sinnbild des Ereignisses: "Berlin, dem das Wasser bekanntlich bis zum Hals steht, gibt in einer Mischung aus Klischee und Überidentifikation die amerikanische Comic-Heldin". Trotzdem ist für Schwartz all das Geplänkel etwa um VIP-Eintrittskarten und Warteschlangen vergessen, "sobald man den Meisterwerken gegenübersteht". Denn dann könne man zwischen Cézannes Der Badende und Picassos Knabe, ein Pferd führend noch einmal den Geist jener Zeit erahnen, die wusste, "dass fortan nichts mehr so sein wird, wie es war". Der Parcours, der in Berlin von den Anfängen der Moderne bis hin zu Gerhard Richter und Philip Guston führt, ist, so Schwartz in ihrem Resümee, schlichtweg "eine Meistererzählung", für die Richters 1988 entstandener RAF-Zyklus einen "verstörenden Echoraum der Geschichte" bildet.

Das MoMA in Berlin, bis 19. September, Neue Nationalgalerie, Berlin, Potsdamer Straße 50. Di/Mi/So 10-18 Uhr, Do/Fr/Sa 10-22 Uhr.