In dieser Ausgabe:
>> Get into the Global Groove!
>> TV Nation
>> Sex, Zen und Videotapes
>> Das TV-Lächeln des Caravaggio

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Get into the Global Groove:
Nam June Paik im Deutsche Guggenheim




Nam June Paik: Global Groove, 1973, Video Still
Courtesy of Electronic Arts Intermix © Electronic Arts Intermix

Nam June Paik ist ein Pionier der elektronischen Medien. Die Vision des "Global Village", die 1962 von Marshall McLuhan entworfen wurde und die auch für John Cage, den Lehrer Paiks, eine nahezu total medialisierte Welt bedeutete, findet in seinen Videoarbeiten, Objekten und Installationen seit den frühen sechziger Jahren immer wieder innovative Ausdrucksformen. Mit der Ausstellung "Global Groove 2004" im Deutsche Guggenheim präsentiert Paik in Berlin eine neue Multi-Monitor Installation, die seine Videoexperimente aus vier Dekaden mit einem rasanten Cut-Up aus Popmusik, Performanceaufnahmen und verfremdeten Fernsehbildern kombiniert. Oliver Koerner von Gustorf über Paiks Forderungen nach globaler Kommunikation, einer Demokratisierung der Medien und die Vision eines weltweit zu empfangenden Künstlerfernsehens.


Nam June Paik, 1986.
Foto: Rainer Rosenow

"Als Koreaner hatte ich kein Problem damit, in Amerika zu sein. Wir dachten in Zahlenverhältnissen. Dieses jungfräuliche Land hier war so groß, dass es für mich keine Probleme gab. Ich konnte überall hingehen. Ich wollte einfach alles machen. Ich war wie ein Elefant im Porzellanladen. Ich konnte alles zerbrechen." Die Worte, mit denen sich Nam June Paik 2000 im Interview mit dem NY Arts Magazine an seine Ankunft 1964 in der Wahlheimat New York erinnerte, geben rückblickend sicher etwas von der Aufbruchstimmung wieder, die ihn als einen der verheißungsvollsten Künstler seiner Generation umgeben haben mag.

Gleichermaßen scheint diese Äußerung nach wie vor exemplarisch für das Lebenswerk eines Mannes, der sich nie gescheut hat, mit Konventionen und eingefahrenen Gewohnheiten zu brechen. Einen Eindruck des Aufruhrs, den Paiks multimediale Kunst in den Sechzigern und Siebzigern auslöste, vermittelt nun Global Groove 2004, seine jüngste Videoinstallation, die im Deutsche Guggenheim in Berlin zu sehen ist. Angelehnt an den Titel von Paiks legendärem Videoband Global Groove, mit dem er bereits 1973 die Vision eines weltweit zu empfangenden Künstlerfernsehens propagierte, schöpft sein aktuelles Werk aus früheren Einkanal-Videos und TV-Produktionen und greift auch Paiks erste Videoarbeiten Mitte der sechziger Jahre auf. ,
In einem dynamischen Environment aus Bildschirmwänden und Monitorclustern wird der Besucher mit einer visuellen Flut verfremdeter Fernsehimages und Videosequenzen konfrontiert. Der retrospektive Einblick in Paiks Schaffen paart sich mit kollektiven Erinnerungen an Jahrzehnte globalen Fernsehens: Zu Rockmusik steppende Tänzer, Pepsi-Werbespots, trommelnde Navajo-Indianer, psychedelische Farbwirbel, das grotesk verzerrte Gesicht Richard Nixons , Material aus aktuellen Nachrichtensendungen, Game-Shows und Soaps – und immer wieder kristallisieren sich aus diesem rasanten Wirbel Körper und Stimmen jener Musiker, Schriftsteller und Künstler, die mit Paik Geschichte geschrieben haben: John Cage, Merce Cunningham, der Beat-Poet Allen Ginsberg, Karlheinz Stockhausen , das New Yorker Living Theatre, die Cellistin und Performerin Charlotte Moorman.


Nam June Paik: Global Groove, 1973, Video Still
Courtesy of Electronic Arts Intermix © Electronic Arts Intermix

Als Hommage an die Videokunst der letzten Jahrzehnte, verbindet Global Groove 2004 die kontinuierliche Überarbeitung und den Remix von Paiks eigenen Videoproduktionen und den Filmen und Videos anderer Künstler mit der Reflexion jener Utopien, die sie transportieren. "This is a glimpse of a new World when you will be able to switch on every TV channel in the world and TV guides will be as thick as the Manhattan telephone book." Der aus dem Off gesprochene Satz, der die ursprüngliche Version von Global Groove Anfang der siebziger Jahre einleitete, wirkt angesichts der technologischen Veränderungen fast anrührend. Unweigerlich wird der flüchtige Blick auf die einstige Welt von morgen auch zu einem Blick auf die künstlerischen Zukunftsideen von gestern. Während sich Internet und Fernsehen zunehmend verbinden und die digitalisierten Informationen des New Yorker Telefonbuches auf die Größe eines Microchips zusammenschrumpfen lassen, bleibt Paiks Forderung nach der Demokratisierung und De-Monopolisierung elektronischer Medien nach wie vor aktuell. "Groove" ist ein sehr doppeldeutiger Begriff. In Anlehnung an eine Spur oder Plattenrille kann "groove" eine eingefahrene Bahn bezeichnen, in deren Gleichklang man stecken bleibt ("stuck in a groove"), oder als Ausdruck von Lebensfreude dazu auffordern, Anteil zu nehmen, ausgelassen zu sein und mitzumachen: "Get into the Groove!"



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