In dieser Ausgabe:
>> Get into the Global Groove!
>> TV Nation
>> Sex, Zen und Videotapes
>> Das TV-Lächeln des Caravaggio

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TV in Pillenform: Julian Rosefeldt arbeitet an einem Bild-Atlas des Fernsehens


Unter Umständen kann ein Gesicht aus einer Soap-Serie wie ein Gemälde von Caravaggio aussehen: Bei Julian Rosefeldt fügen sich Fernsehserien und Nachrichtensendungen, die er archiviert und analysiert, zu einer Universalsprache. Mit Fotografien vom Oktoberfest hat der 1965 geborene Künstler die alltäglichen Rituale als lokale Folklore aufgezeigt, sein neuer Film "Asylum" ist ein Kommentar auf die medialen Klischees von Ausländern und Migration. Harald Fricke hat den Künstler besucht und sich mit ihm über die Macht von Fernsehbildern und die Kultur der Ähnlichkeit unterhalten.



Julian Rosefeldt: Global Soap aus der Serie „Mnemories / Samples,
2001 © Julian Rosefeldt

Die Leiterin des Goethe-Instituts in Neuseeland nahm es mit Humor. Als Julian Rosefeldt sie um die Mitarbeit für sein neues Projekt bat, schickte sie umgehend ein Stück Seife - schließlich hatte Rosefeldt nach einem Beispiel für eine "Daily Soap" gefragt. Danach erst kamen die Videobänder, aus denen sich die Video-Installation Global Soap zusammensetzte, die 2001 unter anderem im Künstlerhaus Bethanien in Berlin zu sehen war. In immer neuen Close-Ups, Einstellungen und Sequenzen sieht man Szenen aus einer Vielzahl von TV-Serien, die überall auf der Welt produziert werden. Weit aufgerissene Augen, sorgenvoll angespannte Gesichter, ein Ballett globaler Körpersprachen, die sich in islamischen, westlichen oder asiatischen Gesellschaften zu gleichen scheinen. Offenbar hat Rosefeldt mit Global Soap die ideale Matrix gefunden, um das Fernsehen als eine Oberfläche zu zeigen, die alles vereinheitlicht, "auch wenn mitunter ein völlig anderes Moralverständnis in den jeweiligen Ländern vorherrscht."

Seit bald zehn Jahren schon sammelt der 1965 geborene Rosefeldt Medienbilder, sucht nach deren gemeinsamen Kategorien, ordnet sie und montiert sie zu raumgreifenden Video- oder Sound-Installationen neu. Als er 1997 im Rahmen der Ausstellung Deep Storage im Münchner Haus der Kunst die gemeinsam mit Piero Steinle entstandene Arbeit Detonation Deutschland zeigte, wurde der Betrachter förmlich hineingesogen in den langen Schlauch aus Projektionsleinwänden, auf denen unentwegt Kirchen, Wassertürme und Häuser gesprengt wurden - man war mittendrin im Schutt der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte.



Piero Steinle / Julian Rosefeldt: Detonation Deutschland, 1996
©Steinle / Rosefeldt

"In dieser Zeit", erinnert sich Rosefeldt, "ist das Prinzip der typologischen Reihung bei mir zur Methode geworden. Man nimmt ein Detail heraus und zeigt daran Phänomene auf, mit denen sich ein Geschichtsbogen aufspannen lässt".

Bei Detonation Deutschland war es der Umgang mit den Ruinen der Vergangenheit. Danach folgte 1998 mit News eine erste Bestandsaufnahme des Fernsehens: "Wenn man die Archive der Sendeanstalten durchforstet, findet man eine ungeheure Menge an Bildern, die immer wieder die gleichen Abläufe von Politikertreffen oder Katastrophen zeigen. Mit Nullmeldungen wie etwa den ewig wiederkehrenden 'Blechlawinen', die 'nach Süden rollen' ist es nicht anders. Nachrichten sind eine unentwegte Abfolge von Wiederholungen, sie folgen täglich aufs Neue einer vorgefertigten Dramaturgie, bei der die Schlagzeilen von Kriegen und Gewalt zunächst beunruhigen, danach kommen Arbeitslosenzahlen und zuletzt wird man mit der ersten Frühlingssonne oder niedlichem Zoo-Nachwuchs ins Happyend geschickt".




Julian Rosefeldt & Piero Steinle: News, 1998
©Rosefeldt / Steinle

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