In dieser Ausgabe:
>> Reine Anziehungskraft: Die Gemälde von Elizabeth Peyton
>> Mythos MoMA: Abstrakte Kunst und Kalter Krieg
>> Kunstszene Frankfurt

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Gerade in den Vierziger- und Fünfzigerjahren waren diese Reaktionen oft Gegenstand erbitterter Debatten. Ad Reinhardt, der mit Nummer 107 (1950) und Abstraktes Gemälde (1963) selbst als energischer Verfechter der Abstraktion in der Sammlung des MoMA vertreten ist, hat einmal den Widerstreit in einer Karikatur zusammengefasst: Vor einem wild wimmelnden Gemälde steht ein Strichmännchen, hält sich den Bauch und fragt lachend: "Was soll das denn darstellen?"; daraufhin verwandelt sich das Bild an der Wand in eine wütende Fratze, die zurückbrüllt: "Und was stellst Du dar?".


Ad Reinhardt: Aus der Serie "How to Look at a Cubist Painting", 1946

Wer im Comic Recht behalten hat, lässt sich von heute aus nicht entscheiden. Trotzdem lastet ein merkwürdiges Ungleichgewicht auf der Entwicklung, die speziell die US-amerikanische Kunst nach dem 2. Weltkrieg nahm. Obwohl sich die Mehrheit des Publikums nie wirklich heimisch fühlte zwischen den zumeist monumentalen und in ihrer Abstraktheit doch so spröden Leinwänden eines Barnett Newman, Mark Rothko, Franz Kline oder eben Jackson Pollock, ist diese Kunstrichtung zum International Style geworden: zum Triumph der New York School, wie der Maler Mark Tansey in den achtziger Jahren eines seiner Bilder im Rückblick nannte.


Hans Hofmanns "Memoria in Aeternum" (1962) in der Ausstellung
"Das MoMA in Berlin", Neue Nationalgalerie.
©Foto: Jens Liebchen


Bollwerk gegen die Gleichmacherei

Mehr noch, als auf der documenta II in Kassel 1959 die neuen Amerikaner gezeigt wurden, konnten die Ausstellungsmacher schon eine "Abstraktion als Weltsprache" ausrufen, die vom Westen aus gegen den sozialistischen Realismus und dessen propagandistische Verherrlichung der Sowjet-Diktatur mobil machte. Fast könnte man meinen, hier sei eine künstlerische Bewegung zum Kanon erklärt worden, um damit ein Exempel zu statuieren: Die Freiheit der Kunst als Bollwerk gegen die Gleichmacherei? Tatsächlich war der Abstrakte Expressionismus nicht bloß die neueste Avantgarde im Reigen der Ismen, sondern er war ein Politikum und ein Instrument im Kulturkampf der Systeme. Nicht von ungefähr hatte 1954 der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower der Kunst seines Landes einen unglaublich hohen Stellenwert für die "psychologische Kriegsführung" gegen den sich ausbreitenden Kommunismus zugesprochen.


Der Abstrakte Expressionismus war für ihn wie für viele Kulturträger selbst der Ausdruck eines "freien Unternehmertums", in dem sich Amerikas Bekenntnis zum "pursuit of happiness" spiegelte. Mochten die Visionen, die Pollock vom Zustand der Welt in Zeiten von Kaltem Krieg und atomarem Wettrüsten hatte, zwar düster und hoffnungslos aussehen, so sprach sein künstlerischer und damit einhergehender ökonomischer Erfolg doch eine andere Sprache. Wie kein zweiter Maler galt Pollock als ein Held der Neuzeit, weit über den viel zu frühen Tod hinaus, als er 1956 mit kaum 45 Jahren bei einem Autounfall starb.


Jackson Pollock im "Life"-Magazin, 1949

Da waren seine Werke bereits im Life -Magazin einem Millionenpublikum vorgestellt worden und 1955 bei Wanderausstellungen mit Werken aus der Sammlung des Museum of Modern Art, das 1950 Pollocks Nummer 1 und zwei Jahre später Fünf Faden tief angekauft hatte, in den Metropolen von halb Europa zu sehen gewesen. Doch zunächst gestaltete sich der Weg zum Ruhm für Pollock und seine Kollegen nicht bloß steinig, er schien in den ersten Jahren ihrer Karrieren schlicht unpassierbar.

Ende der Vierzigerjahre herrschte auch in den USA unter dem Druck der McCarthy- Ausschüsse ein geistiges Klima vor, in dem moderne Kunst schnell im Verdacht stand, mit dem Kommunismus gemeinsame Sache zu machen.


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