In dieser Ausgabe:
>> Reine Anziehungskraft: Die Gemälde von Elizabeth Peyton
>> Mythos MoMA: Abstrakte Kunst und Kalter Krieg
>> Kunstszene Frankfurt

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Senator Joe McCarthy als Vorsitzender des Ausschusses
für unamerikanische Aktivitäten, 50er Jahre


Von dieser Paranoia zeugt noch heute eine erschreckend kunstfeindliche Klagerede, die der republikanische Abgeordnete George Dondero aus Michigan damals vor dem Kongress gehalten hat, in der er beinahe alle Kunst des 20. Jahrhunderts zum Teil einer gefährlichen, weltweiten Verschwörung erklärte: "Der Kubismus zerstört durch eine gezielt eingesetzte Unordnung. Der Futurismus zerstört durch den Maschinen-Mythos... Der Dadaismus zerstört, indem er verspottet. Der Expressionismus zerstört, indem er das Primitive und das Wahnsinnige nachahmt. Der Abstraktionismus zerstört, indem er geistige Verwirrung erzeugt... Der Surrealismus zerstört, indem er die Vernunft negiert". Man kann sich gut vorstellen, wie Donderos Urteil über Alfred H. Barr Jr. und seine Arbeit als Direktor am Museum of Modern Art ausgefallen wäre - der Politiker hätte den "Torpedo", mit dem Barr immer wieder das Fortschreiten moderner Kunst verglich, sofort zerstört.

Das MoMA mochte mit seiner Sammlung und seinen Ausstellungen zwar New York zum neuen Zentrum der westlichen Kunstwelt erhoben haben. Doch für das restliche Amerika war diese Avantgarde kein Maßstab: Nachdem konservative Kreise sich beschwert hatten, wurde die 1947 vom Außenministerium für Europa und Lateinamerika organisierte Wanderausstellung Advancing American Art mit 79 Werken, darunter Arbeiten von Georgia O'Keefe, Adolph Gottlieb und Arshile Gorky, vorzeitig abgebrochen. Zur Begründung hieß es von offizieller Seite: Man wolle beim ausländischen Publikum den Eindruck vermeiden, dass zeitgenössische Kunst aus den USA "nachahmenden oder gar akademischen Charakter" habe.



Robert Motherwell: Pancho Villa, 194

Hinter den Kulissen waren die Töne weitaus schärfer: "Wenn es in diesem Kongress eine einzige Person gibt, die der Auffassung ist, dass dieser Quatsch den amerikanischen Lebensstil verständlicher macht, dann sollte man den Betreffenden in die gleiche Irrenanstalt einweisen, aus der die Urheber dieses Unfugs entsprungen sind" - mit diesen Worten wird ein gewisser Senator Brown am 14. Mai 1947 im Protokoll des Kongress zitiert. Nach Abbruch der Ausstellung ließ man die Gemälde als überflüssiges Regierungseigentum mit einem Rabatt von 95 Prozent zum Schleuderpreis verkaufen. Ohne Zweifel hatte die große Mehrheit im Senat zu diesem Zeitpunkt eine Vorstellung von wahrhaft patriotischer Kunst a la Norman Rockwell, die den Interessen des Museum of Modern Art vollkommen zuwiderlief.

Dieses Misstrauen bekam das MoMA schon in den dreissiger Jahren zu spüren, als sich die Öffentlichkeit über die Vorliebe seines Museumsdirektors Alfred H. Barr Jr. für europäische Kunst entrüstete. Immer wieder wurde Barr angefeindet, weil seine Auswahl die amerikanische Tradition der Folk-Art und des Realismus angeblich nicht genügend berücksichtigte. Da nützte es wenig, dass 1929 Edward Hoppers naturalistische Darstellung Das Haus am Bahndamm (1925) der überhaupt erste Ankauf des MoMA war und bereits 1937 eine Sammlung mit Fotografien eingerichtet wurde. Gut zwei Jahrzehnte später beklagte sich Hopper jedoch immer noch in einem "Wirklichkeitsmanifest" darüber, dass das MoMA als Unterstützer einer abstrakten und gegenstandslosen Kunst dogmatisch agiere.

Damit sprach der prominente Maler aus, was die Massen dachten: Für Darstellungen jenseits der sichtbaren Welt gab es wenig Begeisterung. Wie also geschah das Wunder, durch das ausgerechnet der Abstrakte Expressionismus binnen weniger Jahre zum Aushängeschild für ein modernes Amerika wurde? Wie kam es, dass die USA ab 1952 in ihrem Länderpavillon zur Biennale in Venedig mit Arbeiten von de Kooning, Rothko oder Pollock regelmäßig für ihre kulturelle Offenheit gefeiert werden konnten - während die selben Künstler im eigenen Land lange Zeit als Vorhut des Verfalls, wenn nicht sogar des Kommunismus gegeißelt worden waren?

Willem de Koonings "Frau I" (1950 - 1952) in der Ausstellung "Das MoMA in Berlin, Neue Nationalgalerie. Foto: Jens Liebchen


Vormarsch durch Eigensinn

Tatsächlich gibt es eine Erklärung für den Umschwung, auch wenn sie von heute aus betrachtet mehr über die Hysterie im Kalten Krieg aussagt als über künstlerischen Eigensinn. Angesichts der ständigen Bedrohungsangst, die der Kommunismus in den USA auslöste, waren die Vertreter des Abstrakten Expressionismus eine Art "role model" für den kulturellen Vormarsch des freien Westens. Indem sie sich von der Realität lösten, standen sie nicht nur formal im Gegensatz zur sowjetischen Linie - auch alle politischen Inhalte waren aus ihren ungegenständlichen Darstellungen verschwunden. Gegen jede Unterordnung von Kunst unter die Interessen der Politik hat sich Barr zeitlebens gewehrt: "In seiner Nonkonformität und in seiner Liebe zur Freiheit wird der moderne Künstler niemals von einem monolithischen Herrschaftssystem toleriert werden, so wie überhaupt moderne Kunst für die Propaganda eines Diktators gänzlich unnütz ist". Barr sprach damit auch das Unheil an, dass die Nazis mit ihrer Ideologie und der Verdammung "entarteter Kunst" gebracht hatten. Jetzt galt es, der kommunistischen Diktatur zu widerstehen. Die Bilderwelten des Westens sollten durch nichts als sich selbst sprechen - und schienen somit über jede propagandistische Zuschreibung erhaben zu sein. Für Barnett Newman zählt nur das "Jetzt" der reinen Farbe, das war die Antithese zum sozialistischen Realismus. Zugleich war die neue Künstlergeneration mit ihrem Streben nach Autonomie auf dem besten Wege, sich von den europäischen Einflüssen zu emanzipieren.



Mark Rothko: Nummer 10, 1950

Als einer der ersten Kunstkritiker erkannte Clement Greenberg dieses Potenzial und schrieb in Rezensionen von der neuen kulturellen Identität, die der Abstrakte Expressionismus für Amerika brachte. Aber auch Newman machte aus dem Anliegen bereits 1943 im Vorwort zum Katalog der Ersten Ausstellung moderner Künstler keinen Hehl, als er sich eine Kunst wünschte, "die das neue Amerika, das gerade entsteht und sich, wie wir hoffen, zum kulturellen Mittelpunkt der Welt entwickeln wird, adäquat widerspiegelt". Dann kam die CIA. Es mag sich wie eine Verschwörungstheorie anhören, doch zu Beginn der fünfziger Jahre suchte der Geheimdienst nach Möglichkeiten, um mit der Stärke amerikanischer Kultur zugleich die weltweite Vormachtstellung des Landes zu untermauern.

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