In dieser Ausgabe:
>> Reine Anziehungskraft: Die Gemälde von Elizabeth Peyton
>> Mythos MoMA: Abstrakte Kunst und Kalter Krieg
>> Kunstszene Frankfurt

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Über diese Verbindung sind eine ganze Reihe Studien geschrieben worden, darunter so erhellende Schriften wie Serge Guibaults How New York stole the idea of modern art (1983, The University of Chicago Press) oder Francis Stonor Saunders 2001 im Siedler Verlag auf Deutsch erschienene Recherche Wer die Zeche zahlt… Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg.

Im Interview mit Saunders gibt der ehemalige CIA-Agent Donald Jameson freimütig zu Protokoll: "Wir erkannten, dass diese Kunstform nichts mit dem Sozialistischen Realismus zu tun hatte und diesen sogar noch stilisierter, rigider und beschränkter aussehen ließ, als er tatsächlich war. Und genau diese Wirkung haben wir uns in einigen der Ausstellungen zu Nutze gemacht". Die Kontakte liefen über Nelson Rockefeller, der vor seiner Zeit als Präsident des MoMA zwischen 1940 und 1944 das Büro für interamerikanische Angelegenheiten geleitet hatte. Die Regierungsstelle übernahm während des Krieges auch nachrichtendienstliche Aufgaben in Lateinamerika und förderte unter anderem Wanderausstellungen über zeitgenössische amerikanische Malerei, von denen allein 19 Ausstellungen an das MoMA vergeben wurden. 1954 wurde Rockefeller Sonderberater von Eisenhower, um Strategien für den Kalten Krieg zu entwickeln. Außerdem war er Vorsitzender der Planning Coordination Group (PCG), die sämtliche Entscheidungen des Nationalen Sicherheitsrates einschließlich der Geheimoperationen der CIA überwachte. Direkt mit der CIA war das MoMA auch durch William Burden verbunden, der als Beiratsvorsitzender des Museums zugleich die dem CIA angegliederte Farfield Foundation leitete und der 1956 sogar zum Präsidenten des Museum of Modern Art ernannt wurde. Und zuletzt hatte Tom Braden vor seiner Tätigkeit für den CIA von 1947 bis 1949 die Geschäfte des MoMA geführt.



Pollock in seinem Atelier

In diese Zeitspanne fallen nun auch die ersten engeren Kontakte zum Abstrakten Expressionismus und dessen Vorläufern wie Newman oder Arshile Gorky. 1944 wurden Arbeiten von Jackson Pollock (The She-Wolf, 1943) und Robert Motherwells Pancho Villa aus dem gleichen Jahr angekauft - waren die Künstler damit aber gleich auf der Gehaltsliste der CIA? Keineswegs, viel mehr mussten die Verbindungen über viele Jahre geheim gehalten werden, da Motherwell, Rothko oder Pollock schon wegen ihres ungeheuren Eigensinns zwangsläufig nicht mit dem CIA zusammen gearbeitet hätten. Was immer im Hintergrund passierte, bedurfte dennoch auch der Vergewisserung durch die Haltung der Künstler. Schon ihre Biografien waren dabei eine Absage an Moskau: Von der Entwicklung zur Diktatur unter Stalin enttäuscht hatten sich vormals glühende Fürsprecher der Sowjet-Revolution wie Rothko, Newman oder Pollock gegen das Regime gewandt. Dieser Wechsel kam nicht von leichter Hand, hatten die meisten Künstler der New York School in den dreissiger Jahren während Franklin D. Roosevelts New Deal doch für das Federal Arts Project gearbeitet und dabei auch Kontakt zu linken politischen Gruppierungen bekommen. Pollock hatte damals an den kommunistisch geprägten Workshops des mexikanischen Wandmalers David Alfalo Siquieiros teilgenommen; Adolph Gottlieb und William Baziotes waren kommunistische Aktivisten gewesen; und Rothko galt als überzeugter Marxist.

Dorothy Miller, die Frau hinter dem Abstrakten Expressionismus


Dorothy Miller (Mitte) im Kreise der Künstler des "New American Painting",
1959 (im Vordergrund mit Hut: Barnett Newman). © Foto: Irving Penn


Der Schock des Totalitarismus führte sie nicht ins entgegen gesetzte Lager; aber er ließ sie mit den Ideen des Sozialismus brechen. Politisch waren sie Radikale gewesen, die nach dem New Deal von der Geschichte heimatlos zurückgelassen worden waren; als Patrioten waren sie nun ausgerechnet Repräsentanten einer Kunst, die zum Beleg für Amerikas kulturelle Vorherrschaft nach dem Krieg wurde. Trotzdem blieb ein Rest an Widerstand, so wie Pollock immer wieder betonte, dass er eine isolierte amerikanische Malerei für ebenso absurd hielt wie die Idee einer reinen amerikanischen Physik oder Mathematik. Ganz sicher wurden Pollocks Ansichten mindestens von einer Kuratorin am MoMA geteilt: Dorothy Canning Miller, 1904 in Newark geboren, wurde 1934 Alfred H. Barr Jr.'s Assistentin. Zuvor hatte sie sich mit den ersten Municipal Art Shows im RCA Building des Rockefeller Center den Ruf erworben, ebenso kompetent wie kritisch, aber auch tolerant in Sachen zeitgenössischer Kunst zu sein. In Millers Überblicksschau entdeckte Barr das fragile Objekte The Universe von Alexander Calder, das er für das MoMA ankaufte. Doch die Qualitäten der jungen Kunsthistorikerin lagen nicht nur darin, neue Künstler zu entdecken, sondern auch auf Dauer an das Museum zu binden.


Robert Motherwell: Elegie auf die Spanische Republik Nr. 54, 1957 - 1961

Mit Engelsmiene konnte sie geduldig den elitären Sticheleien eines Newman zuhören; sie konnte mit dem notorischen Trinker Pollock durch die Bars im Greenwich Village ziehen und anderntags einen an sich selbst zweifelnden Rothko beruhigen. Vor allem aber war es Miller, die von 1942 bis 1963 in ihren Americans-Gruppenausstellungen den künstlerischen Nachwuchs förderte, der später das Bild der US-Kunst prägen sollte: Gorky, Motherwell, Pollock, Still, Rothko, selbst noch Ellsworth Kelly, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und der frühe Philip Guston erlangten auch durch die kuratorische Feldarbeit von Miller Weltruhm.

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