In dieser Ausgabe:
>> Reine Anziehungskraft: Die Gemälde von Elizabeth Peyton
>> Mythos MoMA: Abstrakte Kunst und Kalter Krieg
>> Kunstszene Frankfurt

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Als sie 1960 für die Ausstellung Sixteen Americans den Maler Frank Stella entdeckte, war er kaum 23 Jahre alt. Nachdem seine schwarzen Leinwände von der Kritikerin des Herald Tribune, Emily Gebauer, als "unsagbar langweilig" verrissen worden waren, hielt Miller trotzdem weiter zu ihrem Schützling und empfahl dem Museum den Ankauf eines seiner Werke. Da war der CIA längst mit der aufkommenden Kuba-Krise beschäftigt und hatte für die Zwistigkeiten um abstrakte oder gegenständliche Kunst keine Zeit mehr übrig. Doch das Rätsel um den Ausnahmestatus von Jackson Pollock ist damit noch nicht gelöst. Was machte ihn zur überragenden Figur des Abstrakten Expressionismus?


Jackson Pollock mit seinem Model-A-Ford, 1952
©Foto: Hans Namuth


Manche Zeitgenossen sahen in ihm die Verkörperung des modernen Künstlers schlechthin, als den ihn auch sein Kollege Budd Hopkins geschildert hat: "wortkarg, ein Cowboy, der nicht von der Ostküste kam, dazu das Hemingwaysche Laster, ein Trinker zu sein". Das reichte zum Mythos: 1912 war Pollock in der Tat auf einer Schafsranch in Cody, Wyoming geboren worden. Auf einem Pferd hatte er jedoch nie gesessen, da seine Eltern schon bald aus der Provinz nach Kalifornien zogen, als der Vater eine Anstellung als Landvermesser im Grand Canyon bekam. Auch seine viel zitierte Nähe zu Revolutionsmalern wie Siqueiros machte ihn später nicht zum Kommunisten. Stattdessen lernte Pollock bei seinem Vorbild indianische Kunst kennen, dieses Erbe findet sich in vielen seiner Gemälde aus den vierziger Jahren wieder. Selbst im Übergang zu den "Drippings" tauchen noch die ornamentalen Muster des North-West-Pacific auf. Oder Kalligraphien: Auf Echo (Nummer 25) von 1951, das ebenfalls in der Berliner MoMA-Ausstellung hängt, ist die Farbe offensichtlich wie von einem Schriftkundigen aus Asien über die Leinwand getröpfelt worden.


Jackson Pollock: Echo (Nummer 25), 1951

Erst mit dem Aufkommen hochtechnischer Industriefarben explodiert bei Pollock die Leinwand. Er benutzt Duco-Lacke aus der Automobilherstellung, die transparent durchschimmern, wenn er sie in dünnen Schichten aufträgt. Dann wieder nimmt er Aluminiumfarbe und spritzt silberne Spuren in das All-over seiner Bilder, wie etwa bei Fünf Faden tief. Das sind die glücklichen Momente, in denen jener Zustand der Raserei aufscheint, die Motherwell an Pollocks Kunst so sehr bewunderte: ein überwältigendes Farbenspiel, das mit Leichtigkeit zwischen undurchdringlicher Tiefe und dynamisch zerklüfteten Oberflächen hin- und her springt - dann ist das Fenster zum "Unbewussten" weit offen.


Jackson Pollock: Fünf Faden tief, 1947

Keine Schicht lässt sich zurückverfolgen, überall stechen grüne oder schwefelig gelbe Spritzer hervor, die im gleichen Augenblick von der anderen Seite durch die Leinwand zu brechen scheinen. 20 Jahre danach wird Jim Morrison mit seiner Band The Doors etwas Ähnliches besingen: "Break on through to the other side". Das war der wilde Westen, für den Pollock wie kein anderer Künstler einstand. Rebellisch noch im Delirium, weder links noch CIA, dafür aber innerlich am Beben - wie eine Naturgewalt. In Berlin kann man ihn noch einmal entdecken.

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