In dieser Ausgabe:
>> Reine Anziehungskraft: Die Gemälde von Elizabeth Peyton
>> Mythos MoMA: Abstrakte Kunst und Kalter Krieg
>> Kunstszene Frankfurt

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Frankfurter Kreuz


Weg vom Bratwurstimage: In Frankfurt am Main hat sich eine vielfältige Szene aus Künstlern, Galerien und Institutionen entwickelt. Das ist vor allem ein Verdienst von Thomas Bayrle, der als Professor an der Städelschule den kreativen Boom befördert hat. Auch die Banken haben dafür gesorgt, dass die Stadt heute mit Künstlern und Künstlerinnen wie Tobias Rehberger, Ayse Erkmen oder Jeppe Hein einen internationalen Ruf als kreative Metropole genießt. Anlässlich der Art Frankfurt gibt Silke Hohmann einen Überblick über die Ausstellungsaktivitäten und künstlerischen Strategien am Main.


Thomas Bayrle, Lindwurm, 1970
Sammlung Deutsche Bank



Wenn es um Kunst Made in Frankfurt/Main geht, ist er der Dreh- und Angelpunkt, seit über 35 Jahren. Entsprechend wurde Thomas Bayrle bei seinem Abschied als Professor der Hochschule für Bildende Künste (Städelschule) gefeiert. Das Frankfurter Städel-Museum widmete dem gebürtigen Berliner, der sich in den sechziger Jahren etwa zeitgleich mit Andy Warhol in seriellen Druckgrafiken des Phänomens der Masse annahm, zu seinem 65. Geburtstag eine große Einzelausstellung. Für viele ist unklar, ob mit Bayrle nun eine Ära zu Ende geht. Aber eins ist sicher: An dem Wandel von Frankfurt zu einer der führenden deutschen Kunstmetropolen ist er maßgeblich beteiligt gewesen. Er hat den Pop ins deutsche Banken- und Finanzzentrum gebracht.

Neben bekannten Objekten wie der Tassen-Tasse von 1969, mit der Bayrle schon früh Konsum und materielle Überfrachtung formal und inhaltlich befragte, zeigte das Städel auch neue Arbeiten, in denen er auf ein altes Motiv zurückgriff: die Autobahn. Bereits in den siebziger Jahren baute Bayrle Pappmodelle aus dreispurigen Fahrbahnen, die sich in unentwirrbaren Mustern oder zu Hieroglyphen überlagerten - bereits vor dem Entstehen eines kollektiven Umweltbewusstseins wies er so auf den Dauerkopfschmerz des Systems mit seinen gebetsmühlenartig wiederholten Litaneien aus Arbeitsplätzen, Umweltfragen, Autobahnbau, Versicherung und Verunsicherung hin. Im letzten Jahr entwickelte er zu diesem Themenblock eine gigantische Wandarbeit mit dem Titel Maschendrahtzaun, die in ähnlicher Weise auch auf der 50. Biennale von Venedig zu sehen war - in unmittelbarer Nähe zu seinem wohl erfolgreichsten Schüler Tobias Rehberger platziert.


Thomas Bayrle, Autostrada,2003
Courtesy Babara Weiss Gallery, Berlin
(c)Thomas Bayrle



Tobias Rehberger, Vorderes Hosenteil, 1995 Sammlung Deutsche Bank


Tatsächlich ist Bayrle im Verkehrsgeflecht der deutschen Kunstszene eine Art Frankfurter Kreuz, an dem viele wichtige Spuren zusammen und wieder auseinander laufen. Bei aller Prägnanz seiner eigenen Bildsprache ist die formale Ausrichtung seiner Schüler und Meisterschüler bemerkenswert vielseitig: Von Malerei über design-orientierte Installationen bis hin zu dokumentarisch-naturwissenschaftlichen Experimenten decken Bayrle-Schüler verschiedenste Genres ab. So scheint es, dass Thomas Bayrle weniger eine Art, Kunst zu machen gelehrt hat, als vielmehr eine Art des Denkens: konzeptionell, aber ohne Verbissenheit, und offen für jegliche Disziplinen, aber präzise in der Ausführung.



Tue Greenford, Daimlerstr.38, ,2001


Mittlerweile gehört der Bayrle-Schüler Tue Greenfort zusammen mit Jeppe Hein und Simon D. Møller einer neuen Städel-Generation an. Als der langjährige Frankfurter Lokalmatador Kasper König die Leitung des Museums Ludwig in Köln übernahm und der Däne Daniel Birnbaum seine Nachfolge in der Leitung des Städels und der assoziierten Kunsthalle Portikus antrat, kam eine kleine, aber auffällige Gruppe junger skandinavischer Künstler nach Frankfurt, die es im Fall von Hein im Handumdrehen in die größeren Ausstellungshäuser wie die Schirn und von dort aus bis auf die Biennale in Venedig schafften - mit einer Kunst, die Alltagsphänomene humorvoll analysiert, dabei aber formal streng konzeptionell bleibt. Tue Greenfort zum Beispiel bekam zunächst den alljährlich von lokalen Sponsoren ermöglichten Rundgang-Preis für sein Ameisen-Terrarium. Der Däne war in seinen Projekten schon zuvor mit Tieren in Verhandlung getreten, denen er gute Lebensumstände anbot, wenn sie sich ihrerseits für seine Kunst zur Verfügung stellten. In den östlichen Industriegebieten Frankfurts, wo die Städelschule Künstlerateliers unterhält, entdeckte er eine vitale Fuchspopulation und stellte nachts eine Kamera auf, deren Auslöser mit einem Köder verbunden war.

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