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Das MoMA in Berlin


Nun ist es wahr geworden: Das MoMA in Berlin entwickelt sich mehr und mehr zum Ereignis des Jahres. Nach knapp sechs Wochen Laufzeit hat die Besucherzahl längst die sechstellige Marke überschritten und täglich strömen tausende Menschen in die Ausstellung.

Der nicht abreissende Run auf die Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie ist Markus Falkner in der Berliner Morgenpost bereits Angang März ein eigenes Poträt wert: "Drinnen warten die Meisterwerke des Museum of Modern Art, draußen Hunderte Berliner und Touristen, trotz des Schmuddelwetters in bester Laune." Bei Wartezeiten, die gut eine Stunde Geduld erfordern, resümiert Falkner daher, "die Aussicht auf einmaligen Kunstgenuss wärmt - so scheint es - von innen." Ursula März konstatiert bei ihrer genauen Beobachtung der Wartenden fast gleichzeitig in der Frankfurter Rundschau: "eigentlich alle hier in der Schlange sind von den bekannten missliebigen Begleiterscheinungen des Wartens weit entfernt". Dafür sorge nicht zuletzt das reichhaltige Angebot, das vor der Nationalgalerie den Besuchern unterbreitet wird: Das Café Einstein verkauft direkt an der Schlange Kaffee, allerlei Werbe-Flyer werden verteilt und Ansichtskarten mit Bildmotiven der amerikanischen Fotografin Berenice Abbott aus den 30er Jahren feilgeboten.

Im Inneren der Neuen Nationalgalerie setzt sich Holm Friebe in der Dschungel World mit den Konsequenzen des erfolgreichen Reimports europäischer Avantgardekunst des 20. Jahrhunderts auseinander. Angesichts der für Berlin völlig neuartigen "Inszenierung, mit der die Marke MoMA in der Stadt penetriert wird", und des überwältigenden Besucheransturms drängt sich für ihn der Verdacht auf, "dass das, was die Menschen anlockt, weniger mit der Marke und der Institution des New Yorker Museum of Modern Art zu tun hat". Es gehe eher "um den Wunsch, die heimischen Postermotive dadurch zu nobilitieren, dass man sie nun auch 'im Original' gesehen hat". Einzig die wahren Größenverhältnisse der Werke, "die die Reproduktion nicht mitliefert" seien "mitunter frappierend". Nach wie vor beeindruckend wirkt auf Friebe die Radikaltität von Jackson Pollocks No1: "Dieses vielleicht wichtigste Werk der Ausstellung lässt sich schlecht reproduzieren, man muss es im Original sehen, und allein deshalb lohnt der Besuch".




Das Ausstellungskonzept hinterfragt Harald Kretzschmar in Neues Deutschland , und empfiehlt dem Besucher: "in 'MoMA in Berlin' tut man gut daran, die konfuse Leitidee des Katalogs zu ignorieren". Vielmehr gelte es beim Rundgang selbst die "Querverbindungen zu suchen". Am Ende stimmt ihn gerade der Amerikaner Philip Guston nachdenklich. Seine Bilder "wirken verstörend. Die artifiziell bis zum absoluten Nichts entleerten 'sauberen' Leinwände des Postminimalismus werden von neu entdeckter menschlicher Substanz abgelöst". Gustons Bilder erzählen Geschichten, berichten wie in dem Gemälde Kopf "von der Gehirnoperation seiner Frau" oder zeigen wie in Stadtgrenzen "ein mit Ku-Klux-Klan-Männern besetztes Gefährt, durch urbane Ödnis rumpelnd". Kretzschmars Schlussfolgerung: "Die 'Moderne' war eine Flucht vor der Wirklichkeit. Ihre Endstation Sehnsucht - Krankheit, Resignation, latente Gewalt".

Johannes Wendland wendet sich als weitere Stimme der Frankfurter Runschau dem inhaltlichen Angebot des Rahmenprogramms der MoMA-Ausstellung zu. Anlässlich der vierteiligen Diskussionsreihe Curating Modernity - Die Moderne kuratieren, die gemeinsam von der American Academy, der Neuen Nationalgalerie und der Literaturwerkstatt Berlin veranstaltet wird, erwartete er sich Antworten auf die Frage: "Wie beeinflusst die Sammlungs- und Ausstellungspolitik von Institutionen wie dem MoMA die kunsthistorische Kanonisierung?" Die Darlegungen der anwesenden Kuratoren, Ann Temkin vom Museum of Modern Art und Robert Rosenblum von New Yorker Guggenheim Museum, überraschen ihn: "Der Job der Kuratoren sei es gerade, Unbestimmbarkeiten und Ambivalenzen zu bewahren. Kunst dürfe nie unterschätzt werden, weil sie für jeden Betrachter eine eigene Aussage parat hält. Der Kurator sei nur so etwas wie ein Vermittler." MM