In dieser Ausgabe:
>> John Hanhardt und Caitlin Jones: Kuratoren von "Global Groove 2004"

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>>Ansicht der Seiten aus dem Nachdruck: Katalog des Everson Museum

JH: Global Groove wurde bei WNET Television NY produziert, das den Paik-Abe Video Synthesizer übernahm, ein technischer Apparat, den Paik zusammen mit dem Ingenieur Shuya Abe entwickelte, und der es ermöglichte, elektronische Bilder zu synthetisieren und zu bearbeiten. Es war eine der ersten Arbeiten, die diesen Bildgenerator für die Fernsehübetragung nutzte. Paik eignete sich das Potential von Video und Fernsehen an, um die Medien zu neuen Werkzeugen umzuwandeln.

CK: Haben Sie über eine elektronische Version des Katalogs nachgedacht?

JH: Uns war es wichtig, die bisherigen Texte um eine Print-Publikation zu ergänzen, für eine neue Generation von Akademikern. Dafür werden wir aber einen anderen Weg der Vermittlung auf unserer Web-Seite suchen.

CK: Wie sehr war Paik in die New Yorker und die Berliner Ausstellung mit einbezogen?

JH: Ich habe mit ihm die Retrospektive für das Whitney Museum 1982 vorbereitet. 1996 hatte Nam June Paik einen Schlaganfall; das hat ihn physisch eingeschränkt, aber im Kopf ist er sehr klar, er hat ein großartiges Erinnerungsvermögen und brillante Ideen. Wir haben mit Jon Huffman in seinem Atelier gearbeitet, dazu mit Paiks Frau Shigeko Kubota und seinem Neffen Ken Hakuda, der das Atelier leitet. Paik hat seine Vorstellungen auf Zeichnungen festgehalten, ich habe sehr eng mit ihm zusammen gearbeitet, um die Räume kuratorisch zu gestalten, das gilt auch für Global Groove 2004. Aus dem Gespräch mit Paik haben sich die Auswahl der Videotapes und die Arbeit mit der Videowand ergeben, er hat den Schnitt der Bänder festgelegt und wie diese Arbeiten mit Candle Projection verbunden werden sollten, damit diese Installation aus Elektronik, Licht und Environment entstehen konnte.



Ausstellungsaufbau von Global Groove

CK : Sie vergleichen Global Groove mit einem postmodernen Vaudeville. Wie sieht für Sie die Verbindung aus zwischen der Frühzeit des Fernsehens, in der Sendungen dem Vaudeville ähnlich waren, und Paiks Verarbeitung solcher Formate in seinen Performances?

JH: Am Anfang von Global Groove steht ein Statement darüber, dass Fernsehzeitschriften irgendwann einmal so dick sein werden wie das Telefonbuch von Manhattan. Es geht bei Global Groove um eine Vielzahl von Programmen, zwischen denen man wechseln kann: Werbesendungen von überall auf der Welt, dazu die Filme Robert Breers und die Performances von Charlotte Moorman, die Paiks berühmte Mitstreiterin war. Die Arbeit umfasst alle Zufälle, die sich ereignen können, die Performance wird auf eine elektronische Bühne gestellt. Das frühe Fernsehen bestand aus einer einzigen, statisch aufgebauten Kamera, so dass in einem wortwörtlichen Sinn wieder eine Bühne entstand. Wie im frühen Kino nimmt Paik das elektronische Bild und fügt es in einen radikal neuen Raum der Performance ein, zu dem das Fernsehen eben auch werden kann. Diese Vorstellungen wurden mit Good Morning Mr. Orwell mit Philip Glass und Laurie Anderson - und anderen weltweiten Performances noch ausgeweitet.

CK: Paik hat den Standpunkt der Betrachtung und der Wahrnehmung verändert.

JH: Er hat sämtliche Möglichkeiten des Mediums bis hin zur Interaktivität aufgegriffen. 1974 hat er in einem Katalog über Laser gesprochen, als neue Form von Übertragung. Heute nutzt eine neue Generation von Künstlern das Internet als Kommunikationsmittel, für sie liegt die Herausforderung wiederum in den Rahmenbedingungen des Mediums.



Andruck einer Doppelseite des Katalogs zu Global Groove 2004

CK: Was wusste Paik über Wissenschaft und Technik?

JH: Er sah deren Möglichkeiten und er fand dort auch neue Mitarbeiter. Zum Beispiel jemanden wie Shuya Abe, wobei er Abe im Umgang mit dem Medium in eine Richtung brachte, die sich dieser nie vorgestellt hatte. Er hat mit Horst Baumann in den achtziger Jahren Laserarbeiten entwickelt und mit Norman Ballard hat er Laserarbeiten für The Worlds of Nam June Paik hergestellt.

CK: Was kann man von Paik als dem "Vater von Video" in Bezug auf unsere Massenkultur lernen, die mit digitalem Brimborium überschwemmt ist? Während sich die Massenkultur technisch durchgesetzt hat, wurden Paiks Konzepte bislang noch nicht auf diesem Öffentlichkeitslevel umgesetzt.

CJ: Wenn Computer gleich mit der Software geliefert werden, ist das eine Ermutigung für die Philosophie des spielerischen Umgangs. Im Everson-Katalog gibt es immer noch Kontrolle über die gesamten Bilder, auch in der gegenwärtigen Kultur funktionieren die Schutzvorrichtungen. Man kann eine DVD kaufen, aber nicht kopieren, man kann sich nicht im Schnelldurchlauf durch Werbung bewegen. Es gibt die Illusion von freiem Zugang, trotzdem finden Kontrollen statt. Paiks Überlegungen zu Global Groove sind insofern immer noch ein Thema.



Ausstellungsaufbau von Global Groove

JH : Global Groove handelt von der unendlichen Ausbreitung von Fernsehen und Video. Paik stellte sich vor, dass sich mit dem Flachbildschirm die bewegten Bildern noch weiter ausbreiten und das Individuum stärken würden. Das war der radikale Kern seiner Arbeit als Fluxus-Künstler, wonach eben Zufall und Humor die Dinge verändern können. Es geht darum, die Verkrustungen des Einbahnstraßen-Fernsehens aufzubrechen.

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