In dieser Ausgabe:
>> John Hanhardt und Caitlin Jones: Kuratoren von "Global Groove 2004"

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CK: Internet und Kabelfernsehen versprechen Zugang rund um die Uhr, aber hinter der Fassade haben sich die Verhältnisse noch längst nicht umgekehrt.

CJ: Trotzdem hat Paik innerhalb dieser Einschränkungen Wege gefunden, um sich durch das Unternehmen, das wir "Videoland" nennen, zu bewegen. Daraus ist Global Groove entstanden, damit hat er seinen Standpunkt klargemacht. Heute sind es Internet-Künstler wie 010101 oder jodi.org, die sich ihren kreativen Weg bahnen. Alex Galloway von der Radical Software Group hat für die Arbeit Carnivour Software des FBI benutzt, mit der Netzwerk-Aktivitäten beobachtet werden, indem nach Suchbegriffen im Internet gesucht wird. RSG hat diese Software auf die Internet-Gemeinde angewendet, so benutzen Künstler heute diese Kontrolltechniken in dem gleichen rebellischen Geist, mit dem Paik das Fernsehen der sechziger Jahre benutzt hat.

JH : All diese Künstler sind Aktivisten, Denker und Erfinder, die an den Kontrollmechanismen rütteln. Paik gehörte zu einer Community von Künstlern, die auf ganz neue Weise ins Fernsehen eingriffen. Diese Herangehensweise inspiriert auch zeitgenössische Kunst.

CK : Wie haben Sie das Bildarchiv für den Katalog ausgewählt und sortiert. Gab es da nicht gewaltige Mengen an Daten?

CJ: Jon Ippolito, der Associate Curator für Medienkunst im Guggenheim, hat mit Hilfe von Steven Vitiello von Electronic Arts Intermix eine riesige Datenbank für The Worlds of Nam June Paik eingerichtet. Es war ein gemeinsames Unternehmen. Im Katalog zu Global Groove wurden alle Bilder aus Paiks Ein-Kanal-Videoarbeiten durch Electronic Arts Intermix zugänglich gemacht. Die Schwarzweiß-Abbildungen im Everson-Katalog stammten von Peter Moore und wurden uns vom Peter Moore Nachlass und VAGA zur Verfügung gestellt. Es ging sehr viel um Rechte und Abdruckgenehmigungen.

CK: Herr Hanhardt, wann und vor allem wie haben Sie Paik kennen gelernt?

JH: Ich traf Paik zum ersten Mal in den frühen Siebzigern. Damals arbeitete ich am Museum of Modern Art, in der Filmabteilung. Zur gleichen Zeit habe ich auch die Filmsammlung am Walker Art Center aufgebaut, bin dann ans Whitney Museum gegangen, um dort ein Filmprogramm zu etablieren und es um Video zu erweitern. Zu der Zeit haben Paik und ich uns oft im Atelier getroffen und über seine Arbeiten oder die von anderen Künstlern gesprochen. Paik hielt das Medium als eine Kunstform für immens wichtig, ohne dabei nur an seine eigene Selbstverwirklichung zu denken.

CK: Die Fernsehausstrahlung von Global Groove fand 1974 auf dem New Yorker Fernsehsender WNET statt. Sie haben gesagt, dass "Global Groove das Aufnahmestudio in eine Experimentalbühne für Tänzer, Musiker und Performance-Künstler verwandelte". Wie kann man diese Erfahrung mit dem Experimentalcharakter in der Berliner Ausstellung und im neuen Katalog machen?



Merce by Merce by Paik

JH: Die Ausstellung im Deutsche Guggenheim ist ein außerordentliches visuelles Ereignis. Die Videowand, die zuvor im Samsung Center war, ist in 65 Blöcke aufgeteilt, zu drei Wänden, Einheiten und Clustern. Sobald man den Raum betritt sieht man ein Cluster, dann ein anderes, und am hinteren Ende der Galerie ist die Wand mit Videoblöcken bedeckt. Sie sind eine Neufassung aus drei älteren Bändern: Global Groove, Merce by Merce by Paik, Suite 212 und 9/23/69 Experiment mit David Atwood. Mit diesen Arbeiten bekommt man eine außergewöhnlichen Einblick, an einzelnen Bildern kann man erkennen, wie sich das Ganze bewegt, vom Gesamtbild zu individuellen Details, das ist so choreografiert und elektronisch durchgearbeitet, das ein dynamischer, bildhafter Dialog zwischen den Teilen und Einheiten im Raum entsteht. Umgeben wird dieses Szenario von One Candle (Kerzenlicht Projektion), bei denen eine Kerze auf Decke und Wände projiziert wird, mit der sich Cunninghams Tanz oder John Cage und Charlotte Moorman als Avantgarde im Deutsche Guggenheim spielerisch verbinden.

CK: Sie haben geschrieben, dass aus Paiks Sicht, "dass Fernsehen nicht einfach nur ein Überrest der Industrie und dessen Kapitalismus ist, auch kein elektronisches Möbelstück oder eine Form des Kompromisses einseitiger Vertriebswege". Wie sieht Paik den Wandel des Fernsehens oder dessen Mangel an Wandlungsfähigkeit heute?

JH: Paik hat das Potenzial des Fernsehens immer gesehen, auch den öffentlichen Zugang und das Kabel-TV. Es gibt noch immer Möglichkeiten, die Ausstrahlung und den Vertrieb etwa durch Web-Stream-Medien zu erweitern.

CK: Die Vorteile der Technik sind in der Massenkultur angekommen, aber kulturell ist der Prozess noch nicht abgeschlossen.

CJ: Ich arbeite an der Konservierung von Medien-Technologien. Im Fall von Paik und anderen hat der Plasma-Bildschirm zwar Veränderungen gebracht, aber der Inhalt ist der gleiche geblieben. Die neuen Fernsehgeräte haben Auswirkungen auf die skulpturalen Arbeiten von Paik, außerdem lässt sich eine Menge dessen, was bei ihm Bildmanipulation war, mit neuen Geräten nicht mehr machen.

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