In dieser Ausgabe:
>> John Hanhardt und Caitlin Jones: Kuratoren von "Global Groove 2004"

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CK: Ist für Paik mit dem Internet der Traum des elektronischen Künstlernetzwerks in Erfüllung gegangen?

JH: Es gibt einen regen Austausch zwischen Künstlern und Technik. Künstler werden von den neusten Entwicklungen der Medien angespornt. Wenn man das 20. Jahrhundert betrachtet - vom bewegten Bild zur Erfindung des Kinos bis zur Entwicklung elektronischer Bilder und dem Internet - dann gibt es einen fundamentalen Wandel in unserer visuellen Kultur. Heute konservieren wir Medien als integralen Bestandteil unserer Sammlung, das ist ein Ableger der Ideen, die Paik 1963 in seiner ersten Ausstellung in der Wuppertaler Galerie Parnass formuliert hat. Nun kehrt er mit Global Groove 2004 nach Berlin zurück und feiert das Medium, mit dem er sich zuerst beschäftigt hat. Damals gab es noch keine Porta-Paks, es gab nur Fernsehen, und er ist darin eingedrungen und hat es verändert.

CK: Ist Videokunst durch ihre Etablierung selbstzufrieden geworden?

JH: Videokunst hat das Fernsehen als Institution radikal verwandelt. Die Porta-Pak-Geräte waren für Paik und andere Künstler ein neues Instrument und Werkzeug. Video ist zu einem akzeptierten und allgemein zugänglichen Medium geworden, als digitales Bild ist es mit dem Film verschmolzen. Die Neuen Medien und die Entwicklungen, mit denen sich Caitlin beschäftigt, weisen auf einen radikalen Abschied hin. Innerhalb der Geschichte gibt es kontinuierliche Herausforderungen und Veränderungen.



John Hanhardt und Caitlin Jones

CJ : Video-Künstler arbeiten mit Installationen, eine Vielzahl von Komponenten ist zu einem weiteren Werkzeug geworden und zu einem wichtigen Teil der künstlerischen Sprache.

CK: Frau Jones, Sie haben in einem Text über Paiks Vorschlag eines "Video Common Market" geschrieben, bei dem es, so Paik, darum ging, "den Monismus der TV-Kultur aufzubrechen und den freien Fluss der Video-Informationen durch ein kostengünstiges Tauschsystem oder einen freien Markt zu fördern". In wie weit erfüllt das Internet dieses Versprechen, und wo scheitert es an der Aufgabe?
CJ: Das Internet eröffnet mehr Vertriebswege. Aber was wir in der Musik, etwa an den Tauschbörsen, sehen, wird es in dieser Form als frei zugängliche Informationen nicht geben.

CK : Wir befinden uns eben in einer "Post- Napster-Welt"...

CJ: Es ist ein heißes Thema. Dabei ist das Konzept der Copy-Weitergabe im Sinne der Creative Commons interessant. Sie sind eine Lizenzvergabe-Gruppe, die 2001 mit ihrer Arbeit begann und von Lawrence Lessig, einem Rechtsanwalt der Stanford Law School gegründet wurde, der auch der Begründer des "Center for Internet and Society" in Stanford ist.

Er hat eine Initiative von Künstlern, Musikern und Software-Entwicklern ins Leben gerufen, die folgende rechtskräftige Vereinbarung getroffen haben: "Meine Arbeit kann auf unbegrenzte Zeit genutzt werden, sie ist umsonst und für jeden zugänglich, es gibt keine Copyright-Ansprüche, du kannst diesen Gegenstand nehmen und damit machen, was immer du willst". Das Feld, auf dem Informationen geteilt werden, öffnet sich in einer positiven Art und Weise.



Ausstellungsaufbau von Global Groove

CK : Das ist die eigentliche handhabe von "public domain". Global Groove wird als "ein Blick auf die Video-Landschaften von morgen" beschrieben. Mit diesem Blick auf das "Morgen" verbindet sich für immer der Traum der Moderne im 20. Jahrhundert, so wie ja auch all diese Ideen von "Morgen" eingetreten sind, während allerdings die psychologischen und emotionalen Veränderungen, die sich Paik erhofft hatte, noch ausstehen.

JH: Paik macht sich in seiner Kunst Gedanken über das, was morgen ist, darin liegt sein tiefgreifender Humanismus und seine Verspieltheit, mit denen er das Publikum anspricht. Er hat eine neue Art von elektronischer Leinwand für bewegte Bilder geschaffen. Mit Blick auf die Zukunft sieht Paik, wie alle Teile des Lebens als Teil unserer häuslichen Umgebung durch die neuen Bildmöglichkeiten reanimiert werden, das ist ein Schritt in Richtung Utopie.

CK: Frau Jones, Sie haben über das Verschwinden der Mittelsmänner und Paiks "Common Market" geschrieben...

CJ: Die Folge der direkten Teilhabe ohne die Mittelsmänner hat man am Beispiel von DJ Danger Mouse und seinem Grey Album gesehen: Er hat das Weiße Album der Beatles mit dem Black Album von Jay-Z, einem zeitgenössischen HipHop-Musiker, gemixt und daraus sein Grey Album produziert. Es wurde nicht auf CD sondern im Internet veröffentlicht, doch nach einer Woche hat die Plattenfirma EMI, die die Rechte am White Album der Beatles vertritt, dagegen eine einstweilige Verfügung erlassen. Daraufhin wurde von der Internet-Gemeinde ein "Grauer Dienstag" ausgerufen, an dem Webseiten überall im Netz das Grey Album von Danger Mouse zum freien Download angeboten haben. Die Mittelsmänner sind immer noch unterwegs, aber die Leute suchen und finden Möglichkeiten, um sie zu umgehen.

JH: Darin zeigt sich auch einiges Verständnis für Nam June Paiks Idee einer gemeinschaftlichen Teilhabe. Dank seiner großzügigen Geisteshaltung hat eine neue Generation einen Weg zur Zusammenarbeit gefunden.

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