In dieser Ausgabe:
>> Der Drifter: Peter Doig
>> Magical Mystery Tour
>> Interview Ilya und Emilia Kabakow
>> Zeitreisen mit Abetz & Drescher

>> Zum Archiv

 
Magical Mystery Tour
Junge Malerei und die Erfindung der Vergangenheit



Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Ob Peter Doigs geheimnisvoll-melancholische Landschaftsbilder, Karen Kilimniks Impressionen des alten New Yorks oder der Hang aktueller deutscher Malerei zur neo-romantischen Idylle – in schwierigen Zeiten scheint die junge Kunstszene von der Hinwendung zu Stilen und Werten vergangener Epochen getragen. “Zweite Moderne“ oder “Neue Romantik“ sind die aktuellen Schlagworte für die Hinwendung zu Verinnerlichung, Sinnlichkeit und visueller Opulenz. Doch zeugt das Zitieren von Vergangenem tatsächlich von der nostalgischen Sehnsucht nach Weltflucht, Idealen und rettenden Perspektiven? Oliver Koerner von Gustorf über künstlerische Strategien der Wiederholung und Erinnerung.



James Ensor: Masken, dem Tod gegenüberstehend, 1888
Mrs. Simon Guggenheim Fund
(c) VG Bild -Kunst, Bonn, 2004

Die moderne Moderne
Der Erfolg ist selbst den Machern schon beinahe selbst unheimlich. Tag für Tag reihen sich Besucher in endlosen Schlangen vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin aneinander und nehmen stundenlange Wartezeiten in Kauf, um die Meisterwerke des New Yorker Museum of Modern Art zu erleben. Auch wenn hier große Amerikaner wie Pollock, de Kooning oder Rauschenberg zu sehen sind, wirkt es, als sei mit dem MoMA in Berlin vor allem die europäische Moderne in die Hauptstadt zurückgekehrt. Die Massen drängen sich vor Rousseaus Traum, dem symbolistischen Totentanz James Ensors, Monets Wasserlilien oder verharren andachtsvoll vor dem Tanz von Matisse – allesamt Bilder, die millionenfach auf Postkarten, Postern und Geschenkartikeln reproduziert wurden. In Berlin scheinen die Originale allerdings eine auratische Wirkung zu haben. Nicht nur, dass Menschen, die sich sonst kaum für Kunst begeistern, von Rousseau oder van Gogh schwärmen oder auf Buchtischen zusätzlicher Platz für Prachtbände von Matisse und Picasso geschaffen wird - auch auf der diesjährig heftig bemäkelten Berlin Biennale, die zeitgleich mit dem MoMA an den Start ging, war die Auseinandersetzung junger Künstler mit ihren Vorvätern gegenwärtig.



Mamma Andersson: Nordic Pavillion, 2004
Courtsey Magnus Karlsson Gallery, Stockholm, © Karin Mamma Andersson

„Die Moderne ist für uns wie eine Mutter. Ich komme immer wieder auf sie zurück“, äußerte die auf der Biennale vertretene Künstlerin Karin Mamma Andersson in einem Artikel der März-Ausgabe des deutschen art-Magazins. Auf assoziative Weise zitiert die Schwedin auf ihren Gemälden die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und lässt auf traumartigen Bildern, wie in Treppe zum Himmel(2002), Motive von Edward Hopper oder Francis Picabia wie in einem imaginären Olymp erscheinen. Mit dem Rückgriff auf die klassische Moderne als zweiter Heimat einer jungen Künstlergeneration liegt Andersson ganz im Trend. “Die Moderne ist unsere Antike“, bemerkte Roger M. Buergel, Leiter der kommenden Documenta 12, im April in einem ausführlichen Interview mit dem Spiegel, in dem er die Vorzeichen des Kunstereignisses für 2007 absteckt: das Bekenntnis zu Sinnenfreude, zu ganzheitlichen Schönheitskonzepten, zur Kontemplation statt zur Agitation. Auch wenn die Konzeptkunst seit Jahrzehnten tot sei, hätten gerade die Kunstformen der Nachkriegszeit ihre Berechtigung, besonders weil junge Künstler in ihnen eine abgeschlossene Epoche sähen, auf die sie zurückgreifen könnten.



Tim Eitel: Abend, 2003
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Uwe Walter


Tim Eitel: Ohne Titel, aus "In der Galerie für zeitgenössische Kunst", 2000
Sammlung Deutsche Bank
Courtesey Eigen + Art, Berlin/ Leipzig , (c) Tim Eitel

"In der Malerei bieten mir Zeitgenossen wenig Anregung", sagte der 32-jährige Tim Eitel im Berliner Tagesspiegel . Seine intensive Auseinandersetzung mit so scheinbar unvereinbaren Künstlern wie Caspar David Friedrich und Piet Mondrian, die kühle modernistische Melancholie, die seinen Bildern von in Kunst oder Parklandschaften versunkenen Menschen anhängt, haben Eitel internationalen Erfolg beschert. Und mit ihm den Vertretern der „Neuen Leipziger Malerschule“, die sich in der selbst geleiteten Berliner Liga Galerie formiert hat. Der magisch aufgeladene Realismus, die Verknüpfung von Fiktion, Architektur, Landschaft, Geschichte und Zeitgeist, die von jungen deutschen Künstlern wie Tilo Baumgärtel oder Norbert Bisky zelebriert wird, ist zum Synonym für eine junge Malerei geworden, die konstruierte und beschworene Vergangenheiten als Projektionsfläche gegenwärtiger Wirklichkeitswahrnehmung nutzt.


Monika Baer: Zurück aus der Zukunft, 2002
Collection of Mark and Polly Addison
Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin


Monika Baer: Ohne Titel, 1994
Sammlung Deutsche Bank
Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin

[1] [2] [3] [4]