In dieser Ausgabe:
>> Der Drifter: Peter Doig
>> Magical Mystery Tour
>> Interview Ilya und Emilia Kabakow
>> Zeitreisen mit Abetz & Drescher

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Der Zauberberg :
Ein Gespräch mit Ilya und Emilia Kabakov und Cheryl Kaplan



Bekannt geworden als Schlüsselfigur des “Moskauer Konzeptionalismus” gilt der 1933 geborene Ilya Kabakov als einer der bedeutendsten Vertreter russischer Gegenwartskunst. Seit 1989 arbeitet Kabakov eng mit seiner Frau Emilia, einer ausgebildeten Konzertpianistin, zusammen. Gemeinsam haben sie über 160 Ausstellungen in internationalen Museen und Institutionen realisiert. Während ihre "totalen Installationen" die bedrückenden Umstände sowjetischen Alltags aufgreifen, feiern sie zugleich das Überleben und die Kraft des menschlichen Geistes. Kabakovs Installationen und Gemälde gleichen vielstimmigen Erzählungen, in denen sich Fiktion, Biografie, persönliche und kollektive Erinnerungen überlagern. Im Juni sind die Arbeiten der Kabakovs in einer großen Ausstellung in der St. Petersburger Eremitage zu sehen. Cheryl Kaplan hat das Ehepaar in ihrem Haus auf Long Island besucht.



Ilya und Emilya Kabakov, Mattituck, Long Island, 2004 Foto: © Cheryl Kaplan, New York. All Rights Reserved.

Die Fahrt von New York nach Mattituck dauert ungefähr zwei Stunden, vorausgesetzt es ist nicht Freitag und sämtliche New Yorker schleichen gerade über den Long Island Expressway Richtung Strandküste. Ilya und Emilia Kabakov leben in einem abgelegenen Cottage mit Blick auf das Meer. Als ich in die Auffahrt einbiege, sehe ich einen unverkennbar russisch aussehenden Mann mit weißem, gelocktem Haar im Gespräch mit einem Mann von einer Baufirma versunken. Während er mich zum Haus begleitet, sagt er mit schwerem russischen Akzent: "Meine Frau Emilia ist da." Emilia öffnet die Tür. Es ist zehn Uhr Vormittag und das Mittagessen ist bereits im Ofen, der Tisch ist gedeckt.


Das Haus der Kabakovs, Mattituck, Long Island, 2004
Foto: © Cheryl Kaplan, New York. All Rights Reserved.

1992 wurden die Kabakovs mit ihrem Beitrag für die Documenta IX im Westen schlagartig bekannt. The Toilet zeigte das bescheidene Hab und Gut einer bäuerlichen Sowjet-Familie; allerdings waren die beengten Räumlichkeiten in die Architektur eines öffentlichen Pissoirs eingepasst worden. Seither haben Ilya und Emilia Kabakov immer wieder Environments eingerichtet, die sie selbst als 'totale Installationen' bezeichnen. 1996 war im Hamburger Bahnhof in Berlin unter dem Titel Treatment with memories eine Raumflucht aus Patientenzimmern ausgestellt, in denen jeweils Diaprojektionen mit vermeintlich biografischem Material der beiden Künstler zu sehen waren. Zuletzt hatten sie 2003 in Venedig zur Biennale das Stockwerk eines Palazzos zum Kunstmuseum umgewandelt: Auch Where is our place? war eine Inszenierung der Vergangenheit. Überdimensionale Hosenbeine standen vor überdimensionalen Bildfragmenten, die als Replik bürgerlicher Salonmalerei des 19. Jahrhunderts an der Wand hingen und die Decke zu durchstossen schienen. Im Fußboden waren winzige Modelllandschaften eingelassen, und auf Augenhöhe wurde der Betrachter mit Fotos aus den achtziger Jahren konfrontiert - sowjetischer Alltag, Militäridyllen, Kultur und Technik in Zeiten der Perestroika.


The Toilet (links: Aussenansicht u. rechts: Innenansicht),
Documenta IX, Kassel, 1992
Courtesy Ilya & Emilia Kabakov and Sean Kelly Gallery
Foto: ©Dirk Pauwels

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