In dieser Ausgabe:
>> Der Drifter: Peter Doig
>> Magical Mystery Tour
>> Interview Ilya und Emilia Kabakow
>> Zeitreisen mit Abetz & Drescher

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Gemalte Zeitreisen


Der "Time Tunnel" als Paralleluniversum: In den Bilderwelten von Maike Abetz und Oliver Drescher ist viel Platz für Utopien. Barocke Engel treffen auf antike Götter, altertümliche griechische Bogengänge lösen sich in psychedelische Op-Art-Spiralen auf; und über allem schwebt der Geist der Popmusik, geben sich Jimi Hendrix, Mick Jagger, The Who und David Bowie ein Stelldichein. Dabei entsteht eine Malerei, die sämtliche verfügbaren Speicher und Medien benutzt, um die Magie der Erinnerung wach zu halten. Aber woher kommt die neue Sehnsucht nach der Vergangenheit? Harald Fricke hat die beiden Künstler in ihrem Atelier besucht.


Maike Abetz und Oliver Drescher © Abetz/Drescher


Bilder von Bildern, Bilder in Bildern, Bilder über Bilder: Die Kunstgeschichte ist voll von Verweisen, Spuren und Labyrinthen, in denen sich der Betrachter angesichts der Fülle an visuellem Material leicht verlieren kann. Schon in den Karikaturen eines William Hogarth wurde der Hunger nach Bildern ironisiert, indem der Zeichner die Schaulust seiner Zeitgenossen wiederum anhand der eigenen Produktion bloßstellte. Dabei wurde der Anspruch, die Flut an Images als ästhetische Aufklärung zu feiern durchaus auch ernst genommen - schließlich war die sogenannte "Petersburger Hängung" zugleich Schatzkammer, Bilderatlas und Spiegelkabinett der realen Welt. Am Ende ist auch die Postmoderne mit ihrer verspielten Liebe zum Zitat kein Abgesang, sondern eine Hommage auf den Fundus der Kunstgeschichte gewesen.

Der in den achtziger Jahren gängige Impuls, die Archive zu plündern und sich wie ein Vampir an den Kostbarkeiten vergangener Zeiten zu laben, ist auch Maike Abetz und Oliver Drescher nicht unbedingt fremd. War nach der exzessiven Ausbeute des Neo-Expressionismus und der Neo-Popart noch von einem Ende oder gar Tod der Malerei die Rede, so ist mittlerweile ein neuer Run auf gemalte Bilder ausgebrochen.



Abetz/Drescher: The Optic Nerve, 2000
Courtesy Galerie Volker Diehl, © Abetz/Drescher

Jede Stilrichtung und jeder kunsthistorische Bezug ist dabei willkommen: Immer tiefer gräbt der Nachwuchs in den Bergstollen der Geschichte. Schon kündigt sich in der ganz jungen Generation ein Revival von Informel und Konstruktivismus an. Für Oliver Drescher steht die Kunst wieder einmal am Anfang: "Plötzlich stellt man fest, dass praktisch noch nichts gemalt worden ist. Während in der Moderne diskutiert wurde, wie der radikale Neubeginn aussehen könnte, waren die Formen, in denen man sich über diesen Neubeginn austauschte, ja auch immer wieder Malerei". Dass sich der jeweilige Stand der Technik nur begrenzt auf das Bewusstsein vom Fortschritt auswirkt, weiß auch Abetz: "Wenn man sich Malewitsch ansieht, dann ist er vom Schwarzen Quadrat, das auch eines unserer Lieblingsbilder ist, wieder zu figürlicher Malerei übergegangen. An dieser Entscheidung merkt man, dass man zwischen Kategorien wie 'abstrakt' oder 'realistisch' gar nicht trennen kann."


Abetz/Drescher: Daten und Strukturen, 2003
Courtesy Galerie Volker Diehl, © Abetz/Drescher

Die Begegnung mit der Vergangenheit sieht bei Abetz und Drescher jedoch völlig anders aus, als man es in Zeiten von Retro und Revival erwarten würde. Barocke Engel treffen in einem Bild wie Daten und Strukturen (2003) auf antike Götter, altertümliche griechische Bogengänge lösen sich auf Red with Purple Flashes (2001) in psychedelische Op-Art-Spiralen auf; und über alledem schwebt der Geist der Popmusik, geben sich Jimi Hendrix, Mick Jagger, The Who und David Bowie ein Stelldichein. Wo bei Neo Rauch verschlagene Wesen des Sozialismus die Szenerien der Fifties bevölkern, wo Tim Eitel seine mönchischen Museumsbesucher mit den Errungenschaften der klassischen Moderne konfrontiert, wird bei dem in Berlin lebenden Künstlerpaar der Bogen weit bis in versunkene Kulturen gespannt. Darin liegt für Drescher ein "Sehnsuchtsmoment", mit dem man den früheren Spirit nicht bloß als "besser gelebtes Leben" bewahren, sondern die Magie des Augenblicks, das unmittelbare Ereignis des "Happening" zurück in die Gegenwart holen will. Denn vom Pop lernen, heißt fliegen lernen.

Zugegeben, der Anblick dieser zum Kaleidoskop verdichteten Reise durch die Zeiten kann schwindelig machen. Wenn Abetz und Drescher erzählen, dass sich manche Besucher im Atelier von der grellen Vielfalt erst einmal erholen müssen, geschieht das nicht ohne ein spöttisches Lachen. Natürlich wissen die beiden, dass sie dem Publikum einige Bereitschaft abverlangen, sich auf schier endlose Querverbindungen, Assoziationen, Allegorien und Vexierspiele einzulassen, auch in Bezug auf ihre eigene Bildphilosophie. Spricht man sie darauf an, ob ihre Pastiche eine Reaktion auf die gängigen Verfahren des Sampling und der Computermanipulation sind, antwortet Drescher: "Ich würde lieber noch weiter ausholen und den Zusammenhang in einem ganz großen Rahmen sehen: Alles ist Speicherung, ob Schrift, Malerei, Musik. Ohne Notationen und Symbole gäbe es auch keine Erinnerung. Das ist eben auch Magie, man setzt Zeichen, das war immer schon so und das geschieht immer wieder. Der ibusköpfige Mondgott der Ägypter, Anubis, der im Totenreich mitschreibt, ist der Erfinder der Schrift und gleichzeitig der Gott der Magie und der Wissenschaft."


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