In dieser Ausgabe:
>> Nam June Paik Museum in Korea
>> Andy Warhol: Motion Pictures / Design seen at MoMA
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"Das MoMa in Berlin" bekommt Gesellschaft:
Andy Warhol: Motion Pictures/ Design seen at MoMA



Von Warhol zum Wiggle Side Chair: Das Museum of Modern Art in New York besitzt nicht nur die berühmteste Sammlung von Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen der Moderne, sondern verfügt auch über die weltweit bedeutendste museale Filmabteilung und eine ebenso bedeutende Sammlung von Industrieprodukten des 20. Jahrhunderts. Wer diese Bereiche bislang in Das MoMa in Berlin vermisst hat sollte sich zwei neue Ausstellungen in der Hauptstadt auf keinen Fall entgehen lassen.

Mary Lea Bandy, die künstlerische Leiterin der Filmabteilung des Museum of Modern Art, ist Herrin über mehrere tausend Videos und 19.000 Filme. Anlässlich des Gastspiels der Gemälde- und Skulpturensammlungen des MoMA in der Neuen Nationalgalerie wurde sie von einer der umtriebigsten Berliner Kunstinstitutionen eingeladen, eine experimentelle Präsentationsart von filmischen Kunstwerken Andy Warhols zu entwickeln. Ausgangspunkt für die ungewöhnliche Ausstellung in den Kunst-Werken sind Warhols Screentests, kurze Filme von drei bis vier Minuten Länge, die bewegte Porträts von Superstars der Factory und bekannter Persönlichkeiten wie Salvador Dali, "Baby" Jane Holzer oder Dennis Hopper zeigen. Über 500 dieser "Probeaufnahmen" sind zwischen 1964-1965 entstanden. Nicht nur, dass Warhol mit seinen Screentests das Casting-System Hollywoods ironisch für den Underground übernahm, er wollte sie gleichermaßen als "moving stills", als Porträts im Sinne der Tradition von Malerei verstanden wissen. Die konzeptionelle Nähe zwischen seinen Siebdruckporträts und den starren Einstellungen der "handlungslosen" Screentests scheint unübersehbar. Andy Warhol: Motion Pictures unternimmt nun den Versuch, diese Nähe ganz unmittelbar erfahrbar zu machen.



Andy Warhol. Screen Test: "Baby' Jane Holzer. 1964. Film: 16mm, approx. 4 min. © The Andy Warhol Museum, Pittsburgh. Gift of The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts

In den Kunst-Werken werden Warhols Filme wie Gemälde präsentiert, zwischen denen sich der Betrachter hin und her bewegen kann. So wird eine Auswahl der Screentests zusammen mit anderen Warhol-Filmen (Eat, Kiss , Sleep, Empire ) kontinuierlich und gleichzeitig projiziert und auf in die Wand eingelassenen Ultraflachbildschirmen präsentiert. Um diesen Eindruck der musealen Präsentation zu verstärken, wird ein Teil der Arbeiten von Mary Lea Bandy auch von klassisch dimensionierten Holzrahmen gefasst gezeigt. So entsteht zunächst der Eindruck einer Gemäldegalerie, bevor man realisiert, dass es sich um bewegte Bilder handelt. Bereits jetzt ist das Ausstellungskonzept unter Kritikern umstritten. Wer sich selbst ein Bild von Warhols Filmen machen möchte, sollte die Gelegenheit nicht verpassen. "Nichts kann die Erfahrung ersetzen, zwischen diesen Bildern hin- und herzugehen", urteilte die Süddeutsche Zeitung trotz Vorbehalten am Konzept der Schau, "Vielleicht werden sie für viele überhaupt erstmals so zugänglich."

Zu einem ganz anderen Rundgang lädt die Ausstellung Design seen at MoMA ein: Das Berliner Kunstgewerbemuseum - 1867 als erstes seiner Art in Deutschland gegründet - besitzt eine Designsammlung mit rund 2.500 Produkten avantgardistischer internationaler Serienproduktionen des 20. Jahrhunderts. Die Designsammlung konzentriert sich auf Gegenstände der Einrichtung, der Repräsentation sowie des Schmucks und der Mode, bei deren Entwurf, Gestaltung und Herstellung gleichermaßen hohe Ansprüche an Funktionalität und Ästhetik gestellt wurden. Der ideale Ort also für eine Schau, die als Ergänzung zur MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie modernes Design aus dem Bestand des Kunstgewerbemuseums präsentiert, das auch im New Yorker MoMA vorhanden ist.

Die Sammlung - in dem 1932 errichteten Department of Architecture and Design angesiedelt - umfasst heute nahezu 4.000 Gegenstände und Textilien. Sie zeichnet sich durch ein breites Sammlungsspektrum aus, das weltweit seinesgleichen sucht. Zur Sammlung gehören Haartrockner, Surfbretter, Haushaltsgeräte, Büromaschinen und -möbel, Sportgeräte, Stühle und Mikrochips sowie Autos, Werkzeuge, ein Propeller und sogar ein kompletter Hubschrauber. Der Schwerpunkt der Designsammlung liegt auf industriell-maschinellen Serienprodukten. Stilistisch gibt die Designsammlung im MoMA einen umfassenden Überblick über die Moderne und verdeutlicht die Zusammenhänge zwischen industrieller Produktion, den Ideen des Bauhauses und der Maschinenkunst.

Barcelona-Sessel von L. Mies van der Rohe: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum, Fotostudio Bartsch Fernsehgerät Jim Nature von P. Starck: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum, Fotostudio Bartsch


Sitzmöbel spielen sowohl im MoMA als auch im Kunstgewerbemuseum eine herausragende Rolle. Mobil und funktional sind sie das ideale Designobjekt, an dem sich neue Materialien, Formen und Farben ausprobieren lassen. Zu sehen sind Highlights wie der Armlehnenstuhl Rot-Blau (1923) von Gerrit T. Rietveld sowie Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer, Mies van der Rohe und Le Corbusier. Ausgestellt sind auch die Beinschiene (1942) und der Schaukelstuhl (1950) des berühmten amerikanischen Designerteams Charles und Ray Eames sowie der Wiggle Side Chair (1972) von Frank O. Gehry oder das tragbare Fernsehgerät Jim Nature (1993) mit dem kompostierbaren Gehäuse, entworfen von Philippe Starck. Über 40 Exponate geben einen Einblick in die Vielfalt und Qualität modernen Industriedesigns im MoMA und im Kunstgewerbemuseum.

Hardoy-Sessel von J. Ferrari-Hardoy: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum, Foto Saturia Linke Wiggle Chair von F. O. Gehry: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum, Foto Saturia Linke


Doch auch das aktuelle Design findet seinen Platz. Unter der Federführung des Berliner Designers und Kurators Oliver Vogt und des Kunsthistorikers Jörg Klambt wurde eine Ausstellung konzipiert, die je sieben junge Designer aus Berlin und New York zusammenführt mit der gemeinsamen Aufgabe, Produkte für den MoMA-Museumsshop in der Neuen Nationalgalerie zu entwerfen. Entstanden sind 14 eigenwillige Produkte, die die Grenzen zwischen Kunst und Design sprengen. Die transatlantische Ausstellung 7+7 = vierzehnmal junges Design aus Berlin und New York schlägt einen aktuellen Bogen zum ausgestellten modernen Design. Wer sich also vorgenommen hat, Das MoMA in Berlin zu besuchen oder bereits süchtig nach dem Museum of Modern Art ist, sollte sich Zeit nehmen - es gibt reichlich Stoff!