In dieser Ausgabe:
>> Moskauer Underground
>> Sanfter Wolf: Piotr Uklanski
>> East West Express
>> Junge Szenen im Aufbruch

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Das Schweigen der Wölfe


"Altes Europa" oder "Neues Amerika"? Der 1968 in Polen geborene und heute in New York lebende Künstler Piotr Uklanski sieht sich lieber als "neuen Europäer". Tatsächlich sind Arbeiten wie Uklanskis Foto-Installation "The Nazis", für die er Film-Archive auf der Suche nach prominenten Bösewicht-Darstellern geplündert hat, ein Versuch, zwischen Massenkultur made in Hollywood und kritischer Reflektion nach europäischer Art zu vermitteln. Anlässlich seiner Ausstellung in der Kunsthalle Basel zeichnet Cheryl Kaplan nach, wie Uklanski ironisch und stets aufs Neue die Kluft aufspürt, die zwischen beiden Kulturen liegt.


Denkt man an das Wort Skandal, dann denkt man bald an Piotr Uklanski. Bekannt geworden mit zwei Arbeiten aus dem Jahr 1998, Die Nazis und Untitled (The Full Burn), ist Uklanski alles andere als ein Newcomer, was das Lostreten eines Sturms der (öffentlichen) Entrüstung anbelangt - auch wenn er in letzter Zeit eine etwas gemäßigtere Richtung eingeschlagen hat. 1968 in Polen geboren, lebt Ulanski heute im Westen, wo er zwischen New York und Paris pendelt, sich aber gelegentlich nach Warschau zurückzieht. Seine aktuelle Ausstellung Earth, Wind and Fire in der Kunsthalle Basel ist in Farbgruppen aufgeteilt: Rot, Blau, Gelb und Schwarzweiß. Obwohl man Uklanski zu den Konzeptkünstlern zählt, lassen sich in seinen Arbeiten auch Anklänge an die Appropriation Art finden: Einige seiner Arbeiten verweisen stark auf John Baldessari, der ja für seine Spielereien mit Ikonen aus der Popkultur bekannt geworden ist.

"Ich möchte Folgendes sein: ein Modernist, ein Post-Minimalist, ein Pop-Konzeptualist, ein Fotograf, ein Dilettant, die Muse eines Malers, ein politischer Künstler wie Boltanski und ein Filmemacher wie Polanski", gesteht Uklanski. Auch wenn das nach einem gewaltigen Selbstvertrauen klingt, spricht Uklanski in Wahrheit von einer Methode, Kunst und politische Geschichte, Osten und Westen, zur Ader zu lassen, um eine neue Art der Wahrnehmung zu schaffen, die unter die Haut geht und beim Betrachter zwei extreme Gefühle auslöst: Wut und Desinteresse. Seiner Strategie liegt ein Schlagabtausch zwischen den Kulturen zugrunde, der sich nicht nur in dem persönlichen geografischen Spagat des Künstlers äußert, sondern auch in der Art, wie Uklanski die an Hollywood orientierte Bilderwelt - vom Zweiten Weltkrieg bis zum Western - neu inszeniert. Fragt man Uklanski, ob er sich als "alten Europäer" oder "neuen Amerikaner" sieht, bietet er höflich die Definition "neuer Europäer" an.

2003 schuf Uklanski eine Installation aus gesprayten Namenszügen, Untitled (Boltanski, Polanski, Uklanski), die bei der Frieze Art Fair in London zu sehen war. Auf den ersten Blick erscheint diese Arbeit wie ein billiges Wortspiel, doch bei genauerer Betrachtung befindet sich Uklanski plötzlich inmitten einer ungewöhnlichen Kulturriege: neben ihm der Künstler Christian Boltanski, ein Franzose polnischer Herkunft, und der Regisseur Roman Polanski, der ebenfalls in Frankreich geboren wurde und polnische Eltern hatte. Polanski kehrte mit drei Jahren nach Krakau zurück. Kurze Zeit später wurde seine Mutter, die im vierten Monat mit ihrem zweiten Kind schwanger war, in einer Gaskammer im polnischen Auschwitz ermordet. Boltanski, Polanski, Uklanski erhebt Uklanski künstlich in die Reihe eines Kulturtrios und weist ihm seinen Platz im geopolitischen Netz zwischen Osten und Westen zu. Es ist diese Zwischenposition, aus der heraus er am wirkungsvollsten operiert, wobei Uklanski beide Endpunkte gegen die Mitte ausspielt.

Die Nazis , eine Installation aus 166 jeweils 35,5 x 25,5 cm großen C-Prints von Filmschauspielern, die Uklanski ohne Zustimmung der Schauspieler Standbildern aus Spielfilmen entnommen hatte, wurde im August 1998 zuerst in der Photographers' Gallery in London gezeigt, 2001 dann in Warschau und 2002 im Jewish Museum in New York. Der Evening Standard aus London beschuldigte Uklanski, den "Glamour der Nazis" zu verherrlichen. Während der Ausstellung in Polen zog der Schauspieler Daniel Olbrychski (bekannt durch seine Rolle als Jan Bronski in Die Blechtrommel, 1979) einen Säbel unter seinem Mantel hervor und zerstörte das Porträtfoto, das ihn in der Rolle des Nazioffiziers Karl Kremer in dem Claude-Lelouch -Film Ein jeglicher wird seinen Lohn empfangen zeigte. Als er sein Foto und das von drei weiteren Schauspielern zerschnitt, hielt ein Fernsehteam dieses Ereignis fest. Olbrychski erklärte vehement: "Es gibt moralische Grenzen, die in dieser Ausstellung eindeutig überschritten wurden... Ich habe im Licht der Öffentlichkeit gehandelt..., weil ich Polen zeigen wollte, was ich von solchen "künstlerischen Praktiken" halte. ... Ich habe mit der Zustimmung anderer Schauspieler gehandelt, deren Porträts in der Ausstellung hängen, unter ihnen auch der französische Filmstar Jean-Paul Belmondo, der mir sagte, dass ich in unser aller Namen handeln sollte."

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