In dieser Ausgabe:
>> Moskauer Underground
>> Sanfter Wolf: Piotr Uklanski
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Junge Szenen im Aufbruch:
Die Deutsche Bank und der Kulturaustausch mit Polen und Russland



Die jungen Kunstszenen in Polen und Russland sind im Aufbruch. Auf dem internationalen Kunstmarkt ist Osteuropa gefragt wie nie. Dennoch sehen sich viele Künstler in diesen Ländern vor schwierige Produktionsbedingungen gestellt. Deshalb hat im letzten Jahr die Kultur Stiftung der Deutschen Bank den Preis für junge Polnische Kunst ins Leben gerufen, der erstmals an die 1970 geborene Künstlerin Elzbieta Jablonska vergeben wurde. Maria Morais über Bilderstürmer, Zukunftsvisionen, kulturelle Dialoge und das Kunstengagement der Deutschen Bank in Polen und Rußland.



Warschauer Museum für zeitgenössische Kunst - Galerie Zacheta

Mit einem langen Mantel bekleidet und in Begleitung eines Film-Teams erschien er in den Ausstellungsräumen der Galerie. Vor den ausgestellten Porträts zückte Daniel Olbrychski einen Säbel, hieb filmreif vor laufender Kamera auf die Exponate ein und nahm am Ende sein eigenes Konterfei von der Wand ab. Mit seinem Säbelschlag löste der polnische Schauspieler, der international durch eine Hauptrolle in Volker Schlöndorffs Die Blechtrommel bekannt wurde, den größten Kunstskandal in der polnischen Nachkriegsgeschichte aus.

Ort des vandalistischen Spektakels war das Warschauer Museum für zeitgenössische Kunst, die Galerie Zacheta. Sie hatte im Oktober 2000 Piotr Uklanskis Arbeit The Nazis ausgestellt, die in einer Serie von Film-Porträts zahlreiche bekannte Schauspieler und Stars in SS- und Wehrmachtsuniformen zeigt. Die rege Berichterstattung zu dem Ereignis löste in der polnischen Öffentlichkeit eine heftige Debatte über die Freiheit der Kunst aus. Diese wurde nur zwei Monate später durch einen weiteren Angriff auf ein Werk in der Galerie Zacheta angeheizt. Ausgerechnet bei einer Ausstellung zum 100. Geburtstag der Institution versuchten nationalkonservative Abgeordnete Maurizio Cattelans Skulptur Der Heilige Vater zu stürmen. Das Werk stellt den von einem Meteoriten getroffenen Papst dar - unverkennbar das Antlitz von Johannes Paul II.



Piotr Uklanski, Untitled (Forest), 2004, Sammlung Deutsche Bank

Abgesehen von den politischen Reaktionen, die diese beiden Attacken auf die Kunst in der Zacheta Galerie nach sich zogen, zeigten die Ereignisse vor allem eines: Die Bildwelten der neuen Medien und der modernen Kunst waren für die polnische Gesellschaft durchaus gewöhnungsbedürftig. Künstlerische Strategien wie Ironie, Doppeldeutigkeit und Verfremdung waren offenbar für viele der Besucher nicht ohne weiteres zu entziffern.

Zugleich hatte sich in Krakau bereits seit längerem eine von jungen Künstlern und Künstlergruppen formierte Künstlerszene etabliert, die sich mit zahlreichen Vernissagen und Performances eigene Freiräume schuf. Ein Künstler dieser Generation, die den neuen kulturellen Aufbruch Polens symbolisiert, ist der 1972 geborene Wilhelm Sasnal, dessen Arbeiten auf dem internationalen Kunstmarkt - zuletzt bei der jungen Kunstmesse Liste 04 in Basel - sehr gefragt sind. Seine gemalte Comic-Serie Zycie codzienne w Polsce w latach 1999-2001 (Everyday life in Poland between 1999 and 2001) liest sich wie eine Chronik der rasanten Veränderungen, die Polen in den neunziger Jahren durchlief, und auch seine jüngsten Werke sind von einer individualistischen Perspektive auf gesamtgesellschaftliche Phänomene geprägt.


Wawrzyniec Tokarski, HAUS C3 (NO FURTHER MESSAGES WILL FOLLOW), 1999
Sammlung Deutsche Bank

Die erhöhte internationale Aufmerksamkeit, die der polnischen Kunst entgegen gebracht wird, darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Situation für die Künstler im Land eher schwierig ist. Es fehlt an einem eigenen potenten Kunstmarkt sowie finanziellen Mitteln und Sponsoren, die den Aufbruch unterstützen könnten. Vor diesem Hintergrund engagiert sich die Deutsche Bank seit den frühen neunziger Jahren für die Förderung junger polnischer Kunst: Neben gezielten Ankäufen von Werken jüngerer polnischer Künstler, darunter Piotr Uklanski (1968) und Wawrzyniec Tokarski (1968), der letztes Jahr auch an der Ausstellung deutschemalereizweitausenddrei im Frankfurter Kunstverein beteiligt war, rief die Kultur Stiftung der Deutschen Bank im vergangenen Jahr eine weitere Initiative ins Leben. Mit dem Deutsche Bank Preis für junge Polnische Kunst, der mit 10.000 Euro dotiert ist, wurde das Förderprogramm erweitert und ein Wettbewerb ausgeschrieben, der alle zwei Jahre stattfinden soll.


Elzbieta Jablonska, Helping, 2003

Den acht für den Preis nominierten Künstlerinnen und Künstlern hat die Galerie Zacheta in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank in Polen eine Ausstellung unter dem Titel Spojrzenia 2003 gewidmet. Als Preisträgerin wurde die 1970 geborene Künstlerin Elzbieta Jablonska mit Helping ausgewählt: Die Arbeit besteht aus einer Stickerei und 60.000 zerstörten 100-Zloty-Banknoten in einem Plexiglasquader. Dabei ist die Handarbeit ein gesticktes Stellengesuch, das von einer arbeitslosen Frau gefertigt wurde, die sich wiederum mit ihren Stickereien den Lebensunterhalt verdient. Die Frage nach dem Wert von Arbeit, die Helping thematisiert, erlangt vor dem Hintergrund des kontrovers debattierten EU-Beitritts Polens eine besondere soziale Relevanz.

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