In dieser Ausgabe:
>> Moskauer Underground
>> Sanfter Wolf: Piotr Uklanski
>> East West Express
>> Junge Szenen im Aufbruch

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Himmelsstürmer und Gespenster:
Künstler aus dem ehemaligen Ostblock machen im Westen Karriere



Wawrzyniec Tokarski, Ohne Titel, 1992
Sammlung Deutsche Bank

Russische Künstler stellen ihre düsteren Zukunftsvisionen in deutschen Kunstvereinen aus, junge polnische Maler erobern mit handwerklicher Opulenz den internationalen Kunstmarkt. Der Osten boomt - und mit ihm offenbar auch die Klischees von Glanz und Elend. Harald Fricke hat Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank besucht und sie zu nationaler Identität und ihrem Verhältnis zum Postkommunismus befragt.


In Deutschland wird die Liste mit Ausstellungen junger russischer Künstler immer länger. Nachdem die Kunsthalle Düsseldorf im Mai 2003 die neue Generation nach den Moskauer Konzeptualisten zeigte und letzten Herbst im Berliner Martin-Gropius-Bau die Mammut-Ausstellung Berlin - Moskau einen historischen Brückenschlag bis in die fünfziger Jahre versuchte, sind diesen Sommer gleich über ein Dutzend russische Gegenwartskünstler in der Kunsthalle Baden-Baden unter dem Titel Ha Kypopt! (Auf zum Kurort!) zu sehen. In den Berliner Kunst-Werken versucht man zurzeit mit der Ausstellung Privatisierungen zu zeigen, wie sich der Postkommunismus auf künstlerische Ansätze im gesamten Ostblock ausgewirkt hat. Zählt man die Erfolge auf den Messen in New York, Berlin oder Basel hinzu, dann kann man 15 Jahre nach dem Ende des sowjetischen Herrschaftsapparates wohl von einem wahren Ost-Boom in der Kunst sprechen.



Boris Mikhailov, Straße, 2004, © VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Dabei weisen die Themen, mit denen vor allem russische Künstler arbeiten, in eine düstere Zukunft. Überall scheint sich der Terror tief in die Gesellschaft hineingefressen zu haben, werden in Videos von Künstlern wie Svetlana Baskova die Darsteller bis zum Äußersten drangsaliert, und bei Olga Chernychova ist der Moskauer Alltag von sozialem Elend und Obdachlosigkeit geprägt. Für den in Karlsruhe lehrenden russischen Philosophen Boris Groys spiegelt sich in den künstlerischen Positionen das Dilemma nach dem Zerfall der UdSSR - in einer geschichtslosen Zeit ist auch das Individuum in der Krise.

Schrecken und Widerspruch


Robert Maciejuk, aus der Serie "Fun", Öl auf Leinwand, 2003
©Robert Maciejuk

Gleichwohl reizen diese Schreckensszenarien zum Widerspruch. Je heftiger in der russischen und speziell Moskauer Kunst gegenwärtig Missstände beklagt werden, desto farbenfroher und verspielter gibt sich eine junge polnische Malerei. Wenn Oleg Kulik in Performances zum bissigen Hund mutiert, dann sucht sich der polnische Maler Robert Maciejuk knuddelige Zeichentrick-Bären als Alter Ego; und während sich in den Fotomontagen der Moskauer Künstlergruppe AES mit goldenen Minaretten in der Skyline von New York der Siegeszug des Islam ankündigt, ist für die Malerei von Paulina Olowska die Glamour-Mode der "goldenen zwanziger Jahre" das Vorbild.

Dabei gibt es schon historisch betrachtet wenig Parallelen zwischen den Kulturschaffenden aus beiden Staaten. Polen suchte stets den Anschluss zum Westen: Polnische Musiker gaben Konzerte in Paris, polnische Intellektuelle studierten bei Hegel in Jena. Selbst in den siebziger Jahren gab es regen Austausch, so dass ein Maler wie der 1945 nahe Warschau geborene Tomasz Ciecierski nach Rotterdam oder ins Rheinland reisen konnte. Die Offenheit hat nach 1989 einer Vielzahl jüngerer polnischer Künstler geholfen, sich auch auf dem internationalen Kunstmarkt zurecht zu finden. Schnell waren Miroslaw Balka, Leon Tarasewicz oder Katarzyna Kozyra in New York bekannt, heute pendelt Piotr Uklanski ohne große Mühen zwischen Frankreich, USA und Polen hin und her.

Experiment statt Monument



Piotr Nathan, Die Reihenfolge kann beliebig sein..., 1992,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2004

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