In dieser Ausgabe:
>> Mythos MoMA: Design seen at MoMA
>> Mythos MoMA: Massenkultur und Pop Art

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Charles und Ray Eames, Alexander Girard, Herman Miller Furniture Co., Compact Sofa, ESU Storage Units, ETR Oval Table, um 1952, The Metropolitan Museum of Art, Theodore R. Gamble, Jr., in honor of Mrs. Theodore Robert Gamble.

Eine Jury, der auch Marcel Breuer und der MoMA-Erbauer Edward Durell Stone angehörten, wählte damals unter anderen Charles Eames und Eero Saarinen als Preisträger aus. Für ihre Gemeinschaftsentwürfe von Stühlen und einfachen Möbeln hatten sie eine Pressmaschine entwickelt, die laminiertes Sperrholz dreidimensional in komplexe Kurven biegen konnte. Die experimentell geformten und leicht gepolsterten Sitze verbanden technische Innovation mit skulpturalen Formen, die eine völlig neue Ästhetik im Bereich des Design vorweg nahmen: Die Experimentierfreude und die Verwendung neuer Materialien wie Plastik oder PVC waren eine Errungenschaft Amerikas, die Formgebung hingegen hatte ihre Wurzeln in der europäischen Avantgarde der zwanziger Jahre.


Joe Colombo: Tube Chair, 1955, Foto: Archiv

Entsprechend nimmt Gerrit Rietvelds 1917 entstandener, geometrisch reduzierter Sessel aus rot, blau, gelb und schwarz lackiertem Holz einen Ehrenplatz in der Ausstellung Design seen at MoMA ein. Daneben präsentiert das Berliner Kunstgewerbemuseum den Schaukelstuhl (1950) von Charles und Ray Eames, den Tulpensessel (1950-56) von Eero Saarinen, aber auch Mies van der Rohes Barcelonastuhl aus verchromtem Bandstahl und weißem Lederpolster mit Knopfsteppung, den er 1929 eigens für den Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona entwarf. Frank O. Gehry's Wiggle Side Chair (1972) ist hier ebenso zu sehen wie das berühmte aufblasbare PVC-Möbelstück Blow von 1964, für das sich das Designerteam De Pas/D'Urbino/Lomazzi von der Schlauchboottechnik inspirieren ließ.


Frank O. Gehry, Wiggle Side Chair, 1972, Hersteller Easy Edges Inc./ Chiru Enterprises Inc., USA. Kunstgewerbemuseum Berlin, Foto: Saturia Linke

Nur einen Steinwurf von der MoMA-Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie entfernt kann man sehen, was sonst in New York einen wesentlichen Reiz der Sammlung des MoMA ausmacht: Die Vereinigung von Meisterwerken der modernen Kunst mit den ebenso formvollendeten Erzeugnissen der Alltagskultur.

Das Design des Corporate Modernism

Saarinen und Eames kreierten den vorherrschenden amerikanischen Look für Möbel im Atomic Age der fünfziger Jahre. Beide waren Studenten der Cranbrook Art Academy in Bloomfield Hills, Michigan, die sich unter der Leitung des finnischen Architekten Eliel Saarinen im Mittleren Westen zur Wiege der amerikanischen Gestaltung entwickelte. Mit Hilfe der Kommilitonin Florence Schust Knoll wurde ihr Design im Nachkriegs Amerika und auf der ganzen Welt berühmt. Florence Knoll hat in ihren eigenen Inneneinrichtungs- und Möbel-Entwürfen, sowie dem Vertrieb und der Vermarktung ihrer Cranbrook-Kollegen in dem Knoll-Associates-Unternehmen, das sie noch immer gemeinsam mit ihrem Mann Hans Knoll führt, auch die Anfänge des "Product Placement" perfektioniert. In den vierziger Jahren konzipierte das Ehepaar Charles und Ray Eames verschiedene Ausstellungen, die neben Möbeln und Objekten mit wohnlichen Accessoires, Blumen, Photographien, textiler Wandbespannung, Papier und Teppichen eingerichtet wurden - so fand etwa die Eamses Exhibition 1946 im MoMA statt.



Florence Knoll und Knoll International, Custom Credenza, 1950-65

Mit subtilen Texturen und Farbkombinationen von Himbeere bis Pink sollten die Installationen aus dem Hause Knoll der allgemeinen Auffassung vom kalten, unmenschlichen Design der Moderne Abhilfe schaffen. In ihren "Showrooms" schien Florence Knoll dann allerdings endgültig den International Style in einen verbindlichen amerikanischen Geschmack zu überführen. Obwohl ursprünglich viele der neuen Entwürfe als preisgünstiges Inventar für das einfache Heim gedacht waren, bildeten Corporate Spaces und repräsentative Wohnräume den Hauptabsatzmarkt für das Mobiliar.


Florence Knoll, Dr. Frank Stanton Office, Columbia Broadcasting System Headquarters Building, New York City, 1965, Foto: courtesey Florence Knoll Bassett

Bald schon wurde das neue Design vor allem in Luxusbüros und Führungsetagen der Wolkenkratzer New Yorks aufgestellt. Knolls Inneneinrichtung von 1965 für das CBS-Gebäude in Manhattan wurde zum Archetyp eines Corporate Modernism. Dieser geschlossene Kreislauf aus Kultur, Form und Funktion, repräsentativer Eleganz und verkaufsfördernden Maßnahmen läßt sich bis heute verfolgen: sei es bei Wanderausstellungen, für die mittlerweile selbstverständlich ein international gültiges corporate design erarbeitet wird, sei es für das Merchandising von Kunst. Auch darin ist das MoMA mit seinem Museumsshop weltweit wohl führend.

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