In dieser Ausgabe:
>> Mythos MoMA: Design seen at MoMA
>> Mythos MoMA: Massenkultur und Pop Art

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Robert Rauschenberg, Erster Landesprung, 1961 © Robert Rauschenberg/ VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Mit dem Siegeszug des US- Fernsehens ging die Rückbesinnung auf die subversive Energie des Dada einher, die in den späten fünfziger Jahren in Amerika als Reaktion auf den Abstrakten Expressionismus einsetzte. Während sich das Medium rasch zum bedeutendsten nationalen Forum für Unterhaltung, Nachrichten und vor allem Produktwerbung entwickelte, veränderte die zunehmende Medialisierung des öffentlichen und privaten Raums auch die künstlerische Wahrnehmung. Dem individuellen Ausdruck von abstrakten Künstlern wie Pollock, de Kooning oder Motherwell stand die Ikonografie einer populären Konsumkultur gegenüber, die von standardisierten, massenhaft reproduzierten Images und Markenzeichen geprägt war. „Die Malerei steht sowohl mit der Kunst als auch mit dem Leben in Verbindung. Keines von beidem kann man machen. (Ich versuche in diesem Zwischenraum zwischen den beiden zu agieren)“, schrieb Robert Rauschenberg 1959. Halb Bild, halb Skulptur, vereinen seine „Combine Paintings“ Alltags- und Gebrauchsgegenstände mit subjektiven malerischen Gesten, die den Fundstücken ihren gewöhnlichen Charakter nehmen, um sie als Zeichen der Massenkultur neu zu kodieren. Rauschenbergs Vorliebe für das Banale, das den erhabenen Elementen des abstrakten Expressionismus entgegen gestellt wird, führte dazu, dass er zu Beginn der Sechziger wie auch Jasper Johns als „Prophet der Pop- Art“ bezeichnet wurde.


Jasper Johns, Landkarte, 1961
© VG Bild-Kunst, Bonn 2004

„Tatsächlich riecht man hier die teerige Luft des amerikanischen Verkehrs mit seinen Bogart’schen Straßensperren und zerbeulten Ölkannen, die aussehen wie die Hosenaufschläge von Gammlern“, schrieb ein Kritiker zu Rauschenbergs Erster Landesprung (1961). Während das mit Autoreifen, Absperrlatten und Planen bestückte Gemälde die Zweidimensionalität durchbricht, scheint es auch die Straße ins Bild zu holen und als imaginäre Skulptur den Raum mit einzubeziehen. Wie bei Rauschenberg löst sich in Jasper Johns Arbeiten persönlicher Ausdruck mit vorgefertigten Bildern und Materialien ab: So nutzte er für seine berühmte Flagge (1955) in Farbe und Wachs getränkte Zeitungsstücke - zu Malerei verdichtete massenmediale Information. Die Motive waren selbst bereits Bestandteile einer normierten visuellen Kommunikation: Ziffern, Schrifttypen, Flaggen, Zielscheiben oder Teile einer Landkarte, wie in der gleichnamigen Arbeit von 1961.


Ausstellungsansicht "MoMA in Berlin, 2004
Foto © Jens Liebchen


Claes Oldenburg, Boden -Torte (Riesentortenstück), 1962
© The artist

Straße, Store, Factory : Die Ware als Kunstwerk
Ein rohes Durcheinander von graffitiartigen Zeichnungen auf zerfetztem und zertretenem Karton bedeckte Boden und Wände. Hatte Claes Oldenburg mit seiner Installation The Street 1960 den Innenraum der New Yorker Galerie der Judson Memorial Church in eine flirrende Trümmer- und Ghettolandschaft verwandelt, sollte er die Kunst noch im folgenden Winter auf die Straße holen. Für sein nächstes Projekt The Store (1961-62) mietete er einen Laden im East Village, in dem er aus Gips und Pappmaché nachgebildete Bedarfsartikel verkaufte: in grotesken Proportionen verfremdete und von Farbe triefende Kleider, Turnschuhe, Kuchen, Fleisch, 7-Up-Dosen. Indem er die Rolle des Künstlers mit der des Geschäftsmannes tauschte, und Produkte verkaufte, die sowohl Symbol als auch eine Ware waren, verdeutlichte Oldenburg, dass auch der Kulturbürger in erster Linie ein Konsument ist. Pop-Art wollte mehr, als Werbetafeln, Comics, Verpackungsästhetik oder industrielle Produktionsmethoden in die hohen Gefilde der Kunst einzuführen. Während Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg oder Tom Wesselmann auf unterschiedliche Weise die Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes untersuchten, demonstrierten sie auch, dass Waren neben ihrer Funktion zugleich ideologische Werte repräsentierten.



Andy Warhol, Vorher und Nachher, 1961, © Andy Warhol Foundation for the Visual Arts

Nichts verkörperte diese Symbiose mehr als die Person und das Schaffen Andy Warhols. Sowohl die Traditionen des amerikanischen Realismus als auch die konzeptionelle Kühnheit eines Marcel Duchamp in seinen Arbeiten vereinend, gipfeln die Arbeiten des selbst erklärten „Business-Artist“ in einer radikalen Affirmation des „American Way of Life“. Bereits bei seinem Bild Vorher und nachher, das 1961 für die Schaufensterdekoration des Kaufhauses Bonwit Teller entstand, griff Warhol sowenig wie möglich in sein Quellmaterial, eine plump gezeichnete Annonce für schönheitschirurgische Nasenoperationen, ein. Stur übertrug er die „schlechte“ Komposition in vergrößertem Maßstab und setzte die Leinwand wie ein Plakat dem angemessenen Bildgegenstand gleich. Zugleich wendete Warhol mediale und industrielle Reproduktionsverfahren konsequent auf den Bereich der Kunst an. Den noch im Stempelverfahren entstandenen Bildern wie S&H Green Stamps (1962) folgten die in Warhols Factory mit einem wechselnden Stab von Mitarbeitern gefertigten Siebdruckbilder - Images von Stars, Industriellen, Politikern, Suppendosen, Unfällen, Rassenunruhen, Selbstmorden, Colaflaschen.


Andy Warhol, Grüne S&H Marken, 1962
© Andy Warhol Foundation for the Visual Arts


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