In dieser Ausgabe:
>> Mythos MoMA: Design seen at MoMA
>> Mythos MoMA: Massenkultur und Pop Art

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„Warhol hat in seinen Arbeiten die unternehmerische Weltanschauung des späten 20. Jahrhunderts mit der phlegmatischen Sicht der Opfer dieser Weltanschauung, der Konsumenten vereint“, schrieb 1989 der Kritiker Benjamin Buchloh in seinem Katalogtext zur ersten großen Warhol-Retrospektive im MoMA. Denn in seinen Werken bezieht Warhol distanziert und emotionslos Themen ein, die im Mainstream der Warengesellschaft der Sechziger als Tabu galten: Verbrechen, Gewalt, Armut, soziale und sexuelle Randgruppen. Der Sehnsucht nach Makellosigkeit stellt Warhol die Beschäftigung mit realen Unzulänglichkeiten, Abweichungen und Fehlern gegenüber, die er in seinen „Do it Yourself“-Verfahren vom Siebdruck bis zum Film thematisiert. (Dazu Originalaufnahmen von einem BBC Interview) So wenig wie auf S & H Green Stamps eine Marke der anderen gleicht, so wenig entsprachen die sozialen Outcasts in Warhols Factory den gängigen Vorstellungen von Superstars. Dennoch erklärte Warhol seine Produkte allesamt für konsumierbar. Gemäß seinem Motto „Everything is beautiful. Pop is everything“ forderte er eine Kultur des Realen, die es nicht ausschließt, sich Bilder von elektrischen Stühlen ins Wohnzimmer zu hängen, oder Filme anzusehen, die nichts bieten als eine achtstündige starre Kameraeinstellung auf das Empire State Building.


Andy Warhol : Motion Pictures (Installationsansicht),
Kunst- Werke, Berlin, 2004
Foto: Rainer Jordan

Im Rahmen des MoMA in Berlin sind nun in den Berliner Kunst-Werken Warhols Screen Tests, kurze Filme von drei bis vier Minuten Länge, zu sehen: bewegte Porträts von Superstars der Factory und bekannten Persönlichkeiten wie Salvador Dali, "Baby" Jane Holzer oder Dennis Hopper. Über 500 dieser "Probeaufnahmen" sind zwischen 1964 und 1965 entstanden.

Um die formale Nähe zu seinen Siebdruck-Portraits zu verdeutlichen, werden Warhols Filme wie Gemälde präsentiert, zwischen denen sich der Betrachter hin und her bewegen kann. So wird eine Auswahl der Screen Tests zusammen mit anderen frühen Warhol-Filmen auf in die Wand eingelassenen Ultraflachbildschirmen präsentiert. Um diesen Eindruck der musealen Präsentation zu verstärken, wurden die Filme in klassische Holzrahmen und Passepartouts gefasst.



Andy Warhol. Screen Test: "Dennis Hopper", 1964.
Film: 16mm, approx. 4 min. ©
The Andy Warhol Museum, Pittsburgh.
Gift of The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts

Digital restauriert und in dekorativer Anordnung präsentiert scheint Warhols Darstellung amerikanischer Realität selbst längst in die Bildsprache der westlichen Konsumgesellschaft eingegangen zu sein. Man muss sich nicht mehr stundenlang auf den ausgeleierten Sitzen eines muffigen Programmkinos quälen, um in Realzeit Filme anzusehen, in denen fast nichts passiert. Im Vorbeigehen erhascht man Gesten, Stile und Moden der Supertstars, als Schnelldurchlauf jenes Sixties-Glamours, der von der Werbe- und Filmindustrie vereinnahmt sind. Von der Kuratorin in klassischer Manier in die Nähe zu Portraits holländischer Meister gerückt, verrät die gediegene Präsentation wahrscheinlich mehr über die Realität von heute, als die Filme selbst. Aber vielleicht hätte dieser Umstand Warhol gefallen. Wie riet er doch einem sentimentalen Filmemacher: „Du solltest das nicht so traurig gestalten. Du solltest lediglich sagen: So machen es die Leute eben heutzutage.“

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