In dieser Ausgabe:
>> Mythos MoMA: Design seen at MoMA
>> Mythos MoMA: Massenkultur und Pop Art

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Urbane Wirklichkeit als amerikanisches Kunstwerk:
Von der Ash Can School zur Pop Art



Im Rahmen des „MoMA in Berlin“ sind nicht nur Arbeiten von Pop-Größen wie Roy Lichtenstein oder Tom Wesselmann zu sehen. Auch die Vorväter des Pop im Umfeld der „Ash Can School“ und des „New York- Dada“ sind hier zu entdecken. Zusätzlich zeigen die Berliner Kunst-Werke ergänzend zur Schau in der Neuen Nationalgalerie „Screen Tests“ und andere Filme aus Warhols Factory - als gefilmte Versionen seiner Siebdruck-Gemälde, die als bewegte Porträts in Holzrahmen und Passepartouts präsentiert werden. Oliver Koerner von Gustorf über die amerikanische Tradition des Realen und die Pop-Kunst im Umfeld des „MoMA in Berlin“



Tom Wesselmann, Stillleben Nr.30, 1963
Museum of Modern Art, New York
Schenkung Philip Johnson, © VG Bild-Kunst, Bonn 2004


Ausstellungsansicht, "Das MoMA in Berlin", 2004
Foto © Jens Liebchen

All that Jazz
Verläuft der Weg durch Das MoMA in Berlin im Allgemeinen wie eine chronologische Tour durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, kreuzen sich an manchen Ecken und Enden doch die Zeiten und Epochen. Dann erzeugen einzelne Kunstwerke untereinander Reibung und geben ein phantastisches Gefühl dafür, was es heißt „modern“ zu sein. So zum Beispiel im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie, wo Werke der amerikanischen Moderne um Künstler wie Georgia O’Keefe, Edward Hopper oder Stuart Davis an die Pop-Art der sechziger Jahre angrenzen. Der Effekt dieser Berührung ist erstaunlich: Obgleich zwischen der Entstehung von Stuart Davis’ graphisch reduziertem Ölbild Odol (1924) und Tom Wesselmanns in kühlen Mint-Tönen gehaltener Küchen-Assemblage Still Life #30 (1963) vier Jahrzehnte liegen, strahlen sie den selben Esprit aus.

Beide Werke stehen auf ihre Weise für die Reduktion auf „das, was es ist“, für eine direkte Bildsprache der alltäglichen Dinge, Waren und Verpackungen - und sie repräsentieren jene typischen Eigenschaften, die die an der Wirklichkeit orientierte Kunst Amerikas auszeichnen: Pragmatismus, Sachlichkeit, Realitätssinn und Unterhaltung.


Stuart Davis, Odol, 1924
Museum of Modern Art, New York
Vermächtnis Mary Sisler (durch Tausch) und Ankauf, © VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Mit Stuart Davis (1894-1963) wird den Pop-Künstlern im MoMA in Berlin ein amerikanisches Original vorangestellt - ein einheimischer Kubist, der plakativ- flächige Farben und klar und hart umrissene Formen in seinen Gemälden kombinierte. Die Liste, die er Mitte der Vierziger von jenen Dingen aufstellte, die ihn zur Malerei trieben, vermittelt den coolen urbanen Rhythmus, der seine Malerei auszeichnet: „…die Architektur von Wolkenkratzern, die leuchtenden Farben von Tankstellen, die Fassaden von Ladenketten, und Taxis,…..die neuen und vielfältigen Perspektiven von schnellem Reisen in Autos, Zügen und Flugzeugen, elektrische Leuchtreklamen, …..Küchenutensilien für 5 & 10 Cent, Filme und Radio, das ‚Hot Piano’ von Earl Hines, die gesamte schwarze Jazzmusik.“ Obgleich Davis sich in seiner Malerei deutlich von der naturalistischen Abbildung entfernte, ging es ihm immer um den „Realismus“ von Gegenstanden, die in seiner Arbeit auf einfachste Formen und Linien reduziert werden. „Configurations“, also Anordnungen, nannte Davis seine Zeichnungen von Glühbirnen, Streichholzschachteln, Zigarettenwerbungen oder Verpackungen, die als Grundlage für seine Gemälde dienten. Werbung, Architektur und Schrift fließen dynamisch in Davis Werk ein und dokumentieren die kontinuierliche Veränderung der Warengesellschaft.


Edward Hopper, Benzin, 1940
The Museum of Modern Art, New York
Mrs. Simon Guggenheim Fund


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