In dieser Ausgabe:
>> Nam June Paik im Deutsche Guggenheim
>> James Lee Byars in Frankfurts Schirn Kunsthalle

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In Frankfurt zeugen eine Reihe dokumentarischer Fotos von dieser radikalen Verweigerung, Kunst als Objekt und Verdinglichung zu begreifen. Am meisten sticht dabei die präzise Rätselhaftigkeit seiner Arbeit hervor: Der vollkommene Liebesbrief ist ich schreibe ich liebe dich rückwärts in die Luft besteht aus vier Fotografien, auf denen Byars - im weißen Anzug und einmal mehr mit verbundenen Augen - vor dem Brüsseler Palais des Beaux-Arts 1974 mit dem Finger imaginäre Zeichen markiert: als unentzifferbare Schrift im leeren Raum. Zugleich hat Byars selbst konkreten Gegenständen die Spuren des flüchtigen Augenblicks eingeschrieben - sei es in den 3.333 roten Rosen, die in der ursprünglich 1989 entstandenen und nun rekonstruierten Installation Der Rosentisch des Vollkommenen allmählich verblühen; sei es in der Skulptur Die menschliche Figur von 1992, für die er 100 weiße, jeweils 20 Zentimeter große Marmorkugeln zu einer elliptischen Form arrangierte.


James Lee Byars, Der Rosentisch des Vollkommenen, 1989, 3.333 rote Rosen, Styropor, IVAM, Instituto Valenciano de Arte Moderne, Generalitat Valenciana

Stets sind es die Unwägbarkeiten zwischen stummer Zeugenschaft und der jäh aufblitzenden Präsenz des Künstlers im Material, mit denen Byars Transzendenz und den Wunsch nach Ewigkeit mit der Unhintergehbarkeit von physischem Verfall und Tod aussöhnen wollte. Diese Balance macht ihn zum herausragenden Vertreter einer Kunst des Übergangs: von Wirklichkeit zur Imagination, von lebensweltlichen Erfahrungen zu geistigen Prinzipien, aber auch von der nach Fortschritt strebenden Moderne zur Postmoderne, in der alle künstlerischen Ausdrucksformen gleiche Gültigkeit besitzen. Byars entschied sich für die Sogkraft des Augenblicks, die der französische Essayist Paul Valéry Anfang des letzten Jahrhunderts am Beispiel des Feuerwerks geschildert hatte. Bei Valéry ist es die "Apparition", das Erscheinen im Verlöschen, das die Schönheit eines zeitgemäßen Kunstwerks ausmacht. Man muss sich beeilen, in der Tat. Doch dafür hat man umso mehr Zeit, das Gesehene erinnernd zu reflektieren.

Mit dieser Einstellung, die alle Teilhabe dem Individuum überlässt, war Byars zwangsläufig ein Einzelgänger. 1932 in Detroit geboren, brach er sein Studium der Kunst und Philosophie frühzeitig ab, um sich ab 1957 in Japan mit Zen-Buddhismus und No-Theater zu beschäftigen. Damals entstanden einfache tantrische Figuren aus Granit oder abstrakt flächige Zeichnungen aus Tusche, die er 1958 im New Yorker Museum of Modern Art ausstellte. Entdeckt wurde er von der MoMA-Kuratorin Dorothy Miller, die ihm für einen Tag die Erlaubnis gab, auf einer Feuertreppe des Gebäudes seine Papierblätter zu zeigen - so blieb die erste Präsentation seiner Werke nur für das Personal sichtbar.



James Lee Byars, Selbstporträt, um 1959, bemaltes Holz, schwarze Papierkugel (c) Estate of James Lee Byars, courtesy Galerie Michael Werner, Köln/New York

In den Jahren darauf entwickelte Byars eine Vielzahl von Performances, für die er luftige, geometrische Kleider schuf, in denen zumeist mehrere Personen gleichzeitig durch Manhattan oder den Central Park paradierten wie bei einer rituellen Zeremonie. Für die Boutique von Bert Stern, der als letzter Marilyn-Monroe-Fotograf nach ihrem Tod in den frühen sechziger Jahren berühmt geworden war, entwarf Byars eine eigene Kollektion, mit deren Verkauf er sich sein Überleben in der Metropole sicherte. Denn bis auf Miller und Künstler wie Yvonne Rainer aus dem Umkreis der Judson-Church-Community nahm die Kunstwelt in der Hochzeit der Pop Art von den exaltierten Aktionen kaum Notiz. Wer hatte schon verfolgt, wie Byars für Objekt ohne Titel (ein meilenlanger Papiergang) sein Modell Linda Childs in einer Robe und mit einem Kopfschmuck aus weißen Straußenfedern am Ende eines Papierstreifens von einer Meile Länge kauern ließ? Und wer war dabei, als Byars sich 1970 als "Öffentlicher Denker" in rotem Anzug auf einem Schaukelstuhl sitzend mitten in New York inszenierte?

Heute sind die Aktionen, mit denen Byars die Rolle des Künstlers als marktgängiger Produzent ad absurdum führte, vor allem Legende. Oft wird er in eine Linie mit Marcel Duchamp, Joseph Beuys und Marcel Broodthaers gestellt, die ebenfalls gegen den reinen Objektcharakter von Kunst arbeiteten. Dabei ging es für Byars immer auch darum, "die wesentlichen Fragen mit Fragen zu lösen", wie er in einem Gespräch mit Joachim Sartorius, dem ehemaligen künstlerischen Leiter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Berlin, erklärte. So wurde praktisch jede Aussage von Byars mit einem Fragezeichen versehen: "Ich denke, dass ich durch das Anhängen eines Fragezeichens an eine Aussage, diese Aussage mit Leben erfülle und sie in den Bereich der Kunst oder der Poesie rücke". Damit wollte Byars "ein Symbol für die Unbestimmtheit und Offenheit zum Universum hin" schaffen - die ideale Konstellation des offenen Kunstwerks der Postmoderne schlechthin.


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