In dieser Ausgabe:
>> Nam June Paik im Deutsche Guggenheim
>> James Lee Byars in Frankfurts Schirn Kunsthalle

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Ganz ähnlich hatte auch Beuys gefordert: "Wer keine Fragen stellt, fliegt raus!" Da war es naheliegend, dass sich die beiden Schamanen in den 70er Jahren kennen lernten. Seit der documenta V, zu der Harald Szeeman neben Beuys auch Byars nach Kassel eingeladen hatte, blieben sie freundschaftlich verbunden. Zumindest die Zuneigung von Byars lässt sich in dem vor vier Jahren veröffentlichten Band James Lee Byars: Letters to Joseph Beuys (Hatje/Cantz, 2000, 256 S., 35 Euro) in hundert Briefen nachlesen. Anlässlich der großen Beuys-Ausstellung 1979 schrieb Byars seinem Gegenüber auf rosa handgeschöpftem Papier: "Joe, der goldene Schrei ist raus. Nimm die Ausstellung des Vollkommenen mit zum Guggenheim als eine Goldene Fußnote. Beuys mit einer Goldenen Fußnote von Byars wird großartig sein für die alte Fifth Avenue". Später bot Byars ihm sogar 1.000.000 Dollars, wenn Beuys ihm nur eine kleine Ecke im Guggenheim zur Verfügung stellen würde. Es war ein Spiel mit den Regeln der starren Museumsbürokratie, an dem beide Künstler offenbar einigen Spaß hatten.


James Lee Byars, Die menschliche Figur, 1992, 100 Marble Spheres (c) Sammlung Museum Ludwig Köln

Doch für Byars war die "Goldene Fußnote" auch ein ganz reales künstlerisches Projekt. Seit 1974 plante er einen gewaltigen Turm, der sich blattgoldbeschichtet 333 Meter hoch im damaligen Niemandsland an der Berliner Mauer erheben sollte. Doch The Golden Tower war weder Allmachtsphantasie noch Künstler-Babylon, vielmehr sah Byars in ihm einen Mittler zwischen kosmischer und weltlicher Ordnung: eine "goldene Nadel", die in den Himmel sticht und zugleich als "goldener Strahl" zur Erde herunterkommt. Zeitlebens hat sich Byars für die Realisierung eingesetzt, so dass zur Zeitlos-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau 1990 ein immerhin 25 Meter hohes Exemplar angefertigt werden konnte.

Parallel zu seinem Turm-Projekt entstanden Arbeiten, für die Byars mit einem Goldstempel kurze Botschaften auf Chinapapier druckte. Zu der Mitte der achtziger Jahre entstandenen Reihe gehören Drucke wie PIPD (Philosophy is practicing death oder FWHFW (Flower was her first word, mit denen Byars in der Sammlung der Deutschen Bank vertreten ist, die nun auch die Frankfurter Ausstellung fördert.


James Lee Byars, Der Goldene Turm, 1990/2004, Composition Gold, Wood, Foto: Katalog Schirn Kunsthalle

Doch auch später hielt er noch am Gold fest. Immer häufiger trat Byars bei Performances in einem goldenen Lamé-Anzug auf, für seine Ausstellung The Death of James Lee Byars wurde 1994 die Brüsseler Galerie der Broodthaers-Tochter Marie-Puck komplett mit Blattgold ausgekleidet. Zur Eröffnung legte sich Byars ebenfalls im Gold-Dress auf den Boden und verschmolz so für Momente vor den Augen des Publikums bis zur Unsichtbarkeit mit dem Raum. Vielleicht war dieses Verschwinden im Einswerden von Beginn seiner künstlerischen Karriere an das Ziel. Ganz sicher kannte sich Byars aber mit der alchemistischen Bedeutung von Gold aus, so wie er auch das Novalis-Zitat kannte: "Nur der vernünftige Mensch ist der echte Adept - er verwandelt Alles in Leben und Gold - braucht Elixiere nicht mehr. In ihm dampfet der heilige Kolben - der König ist in ihm - Delphos auch, und er fasst endlich das: Kenne dich selbst." Wie das Orakel von Delphi ist auch Byars sieben Jahre nach seinem Tod noch ein magisches Medium, das Rätsel aufgibt. Harald Fricke


"Leben, Liebe und Tod: Das Werk von James Lee Byars" ist noch bis zum 18. Juli in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt zu sehen. Der Katalog zur Ausstellung ist im Hatje Cantz Verlag erschienen (160 Seiten, 24,90 Euro)

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