In dieser Ausgabe:
>> Freiwillige Unterwerfung
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>> Interview Germano Celant
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Pygmalions Blick: Mapplethorpes neoklassizistische Fotografie


Robert Mapplethorpes radikale und provokante Bildthemen verbinden auf einmalige Weise moderne Inhalte mit einem strengen Klassizismus. Maria Morais über die heroische Sinnlichkeit idealisierter Körper und Mapplethorpes fotografische Hommage an die Bildhauerei.


Robert Mapplethorpe, Ajitto, 1981
©Robert Mapplethorpe Foundation.


Manchmal geben Künstler ihre größten Geheimnisse preis. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt der florentinische Bildhauer Benvenuto Cellini den Wettstreit mit der Malerei des Landsmannes Francesco Primaticcio, gen. Il Bologna, am Hofe Franz I. in einer bemerkenswerten Anekdote. Den Intrigen und Machenschaften des Konkurrenten während seines Aufenthaltes in Paris von 1540-45 gegenübergestellt, sieht er sich eines Abends gezwungen, seinen gerade fertig gestellten Jupiter im ungünstigen Dämmerlicht der hereinbrechenden Nacht zu präsentieren. Cellini macht aus der Not eine Tugend: "Denn als es Nacht wurde, zündete ich die Kerze an, die Jupiter in der Hand hielt, und weil sie etwas über den Kopf erhaben stand, fielen die Lichter von oben und gaben der Statue ein schöneres Ansehen, als sie bei Tage würde gehabt haben." Den flackernden Kerzenschein weiß Cellini sogar noch effektvoll zu steigern: "Als ich den König hereintreten sah, ließ ich durch meinen Gesellen Ascanio ganz sachte den schönen Jupiter vorwärts bewegen, und weil die Statue gut und natürlich gemacht war und ich selbst in der Art, wie sie bei der Bewegung schwankte, einige Kunst gelegt hatte, so schien sie lebendig zu sein."

Cellinis Kunstgriff, seine Könnerschaft unter Beweis zu stellen, indem er die dramatische Lichtinszenierung nutzt, um seinem Werk Leben einzuhauchen, wurde in der Kunst des 20. Jahrhunderts von keiner späteren Gattung so sehr wieder belebt, wie von der Fotografie. Ausgeklügelte Licht- und Schattenmodulationen wurden gerade für die Schwarzweiss-Fotografie zu Merkmalen, mit denen besonders in der Aktdarstellung die statuarische Strenge und Sinnlichkeit der Körper als 'Idealschönes' ästhetisiert wurden.



Herbert List, Skulptur von Antikythera, 1937

Unter den zeitgenössischen Positionen bildet das Werk Robert Mapplethorpes eine nahezu einmalige Verbindung moderner Inhalte mit einem strengen Klassizismus, der nur scheinbar im Widerspruch zu den radikalen und provokanten Bildthemen seiner eng mit der eigenen Biografie verknüpften Arbeiten steht. Die Akt-Serie Ajitto von 1981 beschreibt im Werk Mapplethorpes dabei so etwas wie einen Wendepunkt im Schaffen des Künstlers, das bis dahin viel unmittelbarer von persönlichen sexuellen Obsessionen und Identitätsfragen geprägt war. Die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kunst und Fotografie bewegt ihn zu einer Umformulierung seiner Bildsprache - hin zu klassisch ruhigen Motiven, deren Vorbilder sowohl bei Rodin und Michelangelo zu finden sind, als auch in der neoklassizistischen Fotografie etwa eines Walter Hege oder Herbert List.



Herbert List, Torso eines jungen Mannes, 1938

Ebenso wie bei Mapplethorpe lassen sich die Akt-Fotografien Herbert Lists nicht nur auf die persönliche Begeisterung für junge Männer reduzieren. Seine Hommage an den männlichen Körper ist an der Plastik der Antike und Renaissance geschult. Auf der gemeinsam mit Hege unternommenen Reise nach Griechenland, entstand in den dreißiger Jahren eine Serie von Aufnahmen, die List zeit seines Lebens in einem von ihm so bezeichneten 'Giftkoffer' unter Verschluss hielt. Obgleich gerade diese Arbeiten erst in den späten achtziger Jahren in den USA publiziert wurden, waren sie unter Fotografen und Künstlern hinlänglich bekannt. Lists Bewunderer Bruce Weber etwa ließ sich davon zu einer Werbekampagne für Calvin Klein inspirieren, deren Ästhetik mittlerweile das Bildvokabular des kollektiven Bewusstseins bereichert.


Robert Mapplethorpe: Ken & Tyler, 1985
©Robert Mapplethorpe Foundation.


Die Inszenierung lebendiger, männlicher Torsi als Statue - sowie umgekehrt die von marmornen Skulpturen als lebende Körper - verweisen auf eine bewusste fotografische Verklärung der Materialität des Abbildungsgegenstandes. Deutlich lassen sich hier Parallelen zwischen den Arbeiten Lists und Mapplethorpes ziehen, was die Gegenüberstellung zweier Fotografien Lists, die Skulptur von Antikythera von 1937 und der Torso eines jungen Mannes von 1938, mit der Foto-Serie, die Mapplethorpe 1982 von Lisa Lyon machte oder seine 1985 entstandene Aufnahme Ken & Tyler , zeigt. Es liegt durchaus nahe, hinter dieser Idealisierung des heroisierten Körpers einen Bezug auf den Pygmalion-Mythos zu vermuten: Der Bildhauer Pygmalion verliebte sich so heftig in eine von ihm gefertigte Statue, dass Aphrodite diese aus Mitleid zum Leben erweckte. Da er die Biografien Michelangelos, da Vincis oder Rodins ebenso gut kannte wie deren Werke, muss Mapplethorpe die dahinter verborgene Vorstellung vom Künstler als gottähnlichem Schöpfer fasziniert haben.


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