In dieser Ausgabe:
>> Freiwillige Unterwerfung
>> Pygmalions Blick
>> Interview Germano Celant
>> Der Mann als nacktes Model

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Robert Mapplethorpe: Thomas, 1987
©Robert Mapplethorpe Foundation

Die Studiofotografie, in deren Raum Mapplethorpe Werbung und Life Style eigentlich am nächsten gewesen war, konnte den Sex, die dionysischen Ausschweifungen nicht in sich aufnehmen. Dazu war sie für die Zwecke der Werbung und der Mode schon zu genau beschrieben. Diese Studiofotografie mit ihrem abstrakten, nur durch das Licht definierten Raum, in dem Symmetrie den Bildaufbau beherrschte, war durch die Vorlagen der von Mapplethorpe bewunderten Modefotografen wie George Platt Lynes, George Hoyningen-Huene, Cecil Beaton oder auch Man Ray fest definiert. Ihre dezente Inszenierung von selbstredend weiblicher Erotik (obwohl sie meistenteils Männer liebten) steckte den Rahmen dessen ab, was hier denkbar war. Wer den Mann als Sexsymbol wollte, musste also raus aus dem Studio. Er ging mit ihm an den kalifornischen Strand wie Bruce Weber, er ging mit ihm in die Fabrikhallen und Autogaragen wie Herb Ritts, er ging mit ihnen ins Sportstudio. Die Subkultur der Surfer und Bodybuilder, die "Beefcake"- Fotografie wie sie Bob Minzer nach dem Zweiten Weltkrieg in seinen "Physical Culture"- Magazinen kreiert hatte, sind hier Vorbild - nicht Mapplethorpes S/M-Meditationen in einem Bunkerambiente in Sausalito.



Bruce Weber: Verseny, 1990; ©Bruce Weber

Ein weiterer, ganz wesentlicher Moment in Mapplethorpes Arbeit ist in der Mode- und Porträtfotografie bis heute weitgehend tabu: Mapplethorpe gab sich in seinen Fotografien stets als teilnehmender Beobachter zu erkennen. Auch wenn er selbst niemals mit seinen Modellen im Bild zu sehen ist, zweifelt man nicht daran, dass er in die dionysische Praxis dessen, was er so apollinisch enthoben abbildete, engagiert war. Sein Self Portrait von 1978 - wenigstens so berüchtigt wie sein Man in Polyester Suit (1980) - zeigt Mapplethorpe wie er in fetischistischer Ledermontur dem Betrachter seinen nackten Hintern entgegenstreckt. Und als sei das nicht schon provozierend genug - steckt in seinem Anus eine lange Lederpeitsche. Zwar gibt es auch hier das von einem weißen Tuch verhüllte Podest, als Mittel der Distanzierung; den Altar, auf dem sich Mapplethorpe, mittig im Bild, opfert und positioniert.

Trotzdem: Hier ist die Kunst, die Klassik zu zitieren, an ihr Ende gelangt. Gerade der männliche Hintern muss als das in der klassischen Kunst wohl am meisten adorierte Körperteil gelten. Tausende von wohlgeformten männlichen Pobacken, womöglich noch mit hübschen Grübchen am Steiß, kennt die Kunstgeschichte, aber keinen Anus, gar penetriert und damit sexualisiert. Dieses Motiv kann nur autobiografisch legitimiert werden.



Herb Ritts: Tony & Mimi II, 1987
©Herb Ritts Photography inc.

Das belegt auch die Ausstellung Ich bin vierzig, die zurzeit in der Kunsthalle Wien zu sehen ist. Ein Mann sitzt in der Sauna, liest die Zeitschrift Kicker, die sein Gesicht und den Großteil seines Körpers verdeckt, währenddessen erlauben seine gespreizten Beine den ungehinderten Blick auf Anus und Penis. Ein Vierteljahrhundert später findet sich mit Juergen Tellers Selbstporträt Arschloch reading Kicker (2003), endlich das Pendant zu Mapplethorpes Self Portrait. Es wundert dann auch kaum, dass in Wien der nackte Teller in der erstmals ausgestellten Porträtserie mit Charlotte Rampling, Louis XV, selbst ins Bild kommt. Wäre der teilnehmende Beobachter tatsächlich in der Mode- und Life Style Fotografie angekommen? Schließlich ist ja Juergen Teller ein Starfotograf dieser Szene? Ganz sicher ist man sich nicht. Tellers Arschloch kursiert eben im Kunstbereich und wird exakt in dem gleichen White Cube ausgestellt, in dem schon Mapplethorpe reüssierte.


Jürgen Teller: Ohne Titel - Selbstportrait mit verstecktem Kopf , 2002
©Jürgen Teller

Dennoch, Mapplethorpes Einfluss ist im Hintergrund auszumachen. Er kommt nicht da zum Tragen, wo man ihn zunächst vermuten würde. Nicht dort also, wo Models in gut ausgepolsterten Calvin Klein-Unterhosen mit ihrer Männlichkeit protzen; nicht dort, wo Terry Richardson die selben Jungs über dünne Sisley-Mädchen herfallen lässt. Er kommt dort zum Tragen, wo der mit allen Regeln des Mainstreams bestens bekannte Modefotograf Juergen Teller diese Regeln bricht. Und damit hat Mapplethorpes Einfluss schließlich sogar den unmissverständlich heterosexuellen Mann erreicht.

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