In dieser Ausgabe:
>> Freiwillige Unterwerfung
>> Pygmalions Blick
>> Interview Germano Celant
>> Der Mann als nacktes Model

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Es handelt sich um einen Angriff und Rückzug zugleich. Warum ist Mapplethorpes Verbindung zur Kunstgeschichte so bedeutend? In seinem Essay Invisible Dragon verglich Dave Hickey Mapplethorpes Arbeit mit Caravaggios Ungläubigen Thomas (1602), der seinen Finger in die Wunde Christi legt.

In dieser Hinsicht hat Germano Celant großartige Arbeit geleistet, indem er Mapplethorpes Ikonografie mit der seiner Vorläufer verglich. Der Umschlag zum Katalog von Mapplethorpe und die klassische Tradition zeigt die Drei Grazien , aber gleichzeitig schimmern Bestandteile von George Platt Lynes Arbeit durch das Motiv. Auch Antonio Canova wird von Celant in diesem Zusammenhang erwähnt.


Jacob Matham nach Hendrick Goltzius: Die Grazien, 16. Jahrhundert. © 2004 State Eremitage Museum, St. Petersburg Robert Mapplethorpe: Ken, Lydia and Tyler, 1985. © Robert Mapplethorpe Foundation


Mapplethorpe verstand auf ganz ursprüngliche Weise das Zusammenspiel zwischen Abstoßung und Anziehung. Er verletzte die Privatsphäre des Betrachters während er ihm zugleich erlaubte, sich über den öffentlichen Moralcodex hinweg zu setzen. Richtete sich diese Praxis schließlich gegen ihn selbst, oder waren die kontroversen Reaktionen hierbei intendiert?

Ich glaube nicht, dass er mit seinen Porträts Fotografien von Blumen das Publikum gereizt hat. Das sind einfach schöne Bilder. Diejenigen Arbeiten, die sich mit männlicher Sexualität beschäftigen, entstanden aus einer ganz persönlichen Befriedigung. In dieser Hinsicht sehe ich Mapplethorpe im selben Zusammenhang wie Künstler oder Amateure, die sich vor der Kamera produzieren. Es gibt da eine Obzession, die ständig präsent ist; einen Wiederholungszwang, der Menschen auszeichnet, die beständig sich selbst und ihre erotischen Begegnungen fotografisch festhalten. Das hängt mit ihrer Psyche zusammen. Ich weiß nicht, wieweit es dabei um eine öffentliche Wahrnehmung geht. Mapplethorpe zeigte seine Idealisierung der Realität. Das war etwas, das er einfach tun musste.

Die öffentliche Reaktion war seinerzeit völlig übertrieben. Die Arbeit ist wirklich umwerfend und fesselnd. Im Gegensatz zu Jesse Helms Auffassung ist sie nicht pornografisch.

Hat Mapplethorpe seine Bilder für die Rechtskonservativen aufgenommen? Oder für sich selbst und seine Welt? Es war das das letztere.

Mapplethorpes Arbeit ging auf eine sehr aggressive Weise an die Substanz, aber hierbei ging es sicher nicht um den reinen Schock- Effekt. Er überrumpelt den Betrachter auf eine Weise die merkwürdig vertraut erscheint.



Robert Mapplethorpe: Lisa Lyon, 1981
©Robert Mapplethorpe Foundation

Da ist eine nahtlose Perfektion, die fast jeden Zugang zu Mapplethorpes Werk verwehrt. Die Oberfläche ist so vollkommen. Das eigentliche Bild hat keine Makel. Es tritt keine Fehlerhaftigkeit zum Vorschein, die einen wirklich berühren könnte. Haben Sie die Ausstellung von Mapplethorpes Bildern in der Sean Kelly Gallery gesehen, die Cindy Sherman kuratiert hat? Sie wählte Bilder von ihm aus, die man nicht häufig zu sehen bekommt. Es gab da Momente, in denen die Vollkommenheit des Bildes und die gleichzeitige Fremdartigkeit der Perversion wirklich völlig überraschend waren.

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