In dieser Ausgabe:
>> Freiwillige Unterwerfung
>> Pygmalions Blick
>> Interview Germano Celant
>> Der Mann als nacktes Model

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Das Lustprinzip:
Jennifer Blessing über Mapplethorpe, Allegorie und private Lust


Bereits seit längerem konzentriert sich Jennifer Blessing (siehe Bild links), Kuratorin am Guggenheim Museum in New York auf Fotografie und Performance. In der Ausstellung Rrose Is a Rrose Is a Rrose: Gender Performance in Photography warf sie einen Blick auf Künstler wie Andy Warhol oder Man Ray, die sich vor der Kamera in Szene setzten. Während sich ihr Katalogbeitrag zur Ausstellung Robert Mapplethorpe und die klassische Tradition mit der Verbindung von Allegorie und klassischer Darstellung beschäftigt, betont sie zugleich Mapplethorpes Bedürfnis, private Lust und persönliches Vergnügen öffentlich zu machen. Zurzeit arbeitet Blessing an der Vorbereitung zu einer großen Ausstellung von Marina Abramovic. Cheryl Kaplan traf die Kuratorin zum Gespräch in ihrem Büro im Guggenheim SoHo.

Jan Hermensz. Muller mach Wachsfiguren von Adriaen de Vries: Raub einer Sabinerin, aus Raub der Sabinerinnen, 16. Jahrhundert. © 2004 State Eremitage Museum St. Petersburg Robert Mapplethorpe: Thomas and Dovanna, 1986.
©Robert Mapplethorpe Foundation


In welchem Verhältnis steht die Allegorie zu Mapplethorpes Werk? Sie sagten in Bezug auf die Allegorie: Man bekommt nicht nur das was man sieht, sondern noch viel mehr als man auf den ersten Blick sieht.“

Mapplethorpe wurde im Zusammenhang mit der Postmoderne berühmt. Er entfernt sich davon, ein Kunstwerk ausschließlich anhand seiner Oberfläche zu betrachten. In seiner Arbeit bezieht er sich auf die klassische Antike.


In den siebziger Jahren waren im Hinblick auf die Kunst immer noch strenge formale Betrachtungsweisen vorherrschend, zugleich kündigte sich bereits die Postmoderne an.

Vielleicht bildet Mapplethorpe hierbei so etwas wie eine Brücke. Er beschäftigte sich intensiv mit formalen Themen, und zugleich zitiert sein Werk in seinen Sujets und dem Interesse an der antiken Skulptur andere Fotografen aus verschiedenen Epochen. Dadurch überlagern sich in seinen Bildern ganz unterschiedliche Bedeutungsebenen. Diese Art der Aneignung war postmodern.

Seine Bilder wirkten auf die Öffentlichkeit sehr verstörend, und dennoch begründen sich seine Arbeiten in einem ausgeprägten Gefühl für die Klassik.

Es gibt verschiedene Werkgruppen in Mapplethorpes Oeuvre., und es waren bestimmt nicht seine Blumen , die die Leute aufgeregt haben. Besonders seine frühen Arbeiten waren eine Herausforderung für ein Publikum, das so etwas zum ersten Mal sah.


Robert Mapplethorpe: Poppy, 1988.
Foto: Robert Mapplethorpe Foundation

Tatsächlich verstört Mapplethorpe das Publikum und offeriert ihm zugleich sinnliches Vergnügen. Das tut er beides auf einer formalen Ebene .

Der Umstand, dass es sich hier um etwas handelt, das eigentlich im Privaten stattfinden sollte, hinter verschlossenen Türen, dass etwas gezeigt wird, das eigentlich nicht das öffentliche Auge erreichen soll, wird von Mapplethorpe in einer spektakulären und wunderschönen Weise präsentiert. Er macht das auf eine Art, die wir von einer öffentlichen Darstellung wie der Modefotografie nicht erwarten, da sie mit kommerziellen Unternehmen assoziiert ist. Zugleich knüpft er an diese Tradition an, zu der auch die berühmte formalistische Fotografie von Edward und Cole Weston gehört. Während er seine Sujets auf diese Weise ästhetisiert, repräsentiert er auch politische Einstellungen und eine Ethik, die sicher nicht jedermann teilt.

Mapplethorpe benutzt vordergründig formale Stilmittel um zu schockieren. Waren die feindlichen Reaktionen des Publikums nur Ausdruck einer rechts – konservativen Gesinnung, oder war sie von Mapplethorpe als unterschwellig verborgene Gefühlsregung gar selbst intendiert?

Das ist schwer zu sagen. Heute kann niemand mehr vorgeben, nicht mit Pornografie vertraut zu sein, auch die Rechte nicht. Pornographie ist allgegenwärtig. Heutzutage müsste man eine gewaltige Naivität an den Tag legen, um Mapplethorpes Bilder schockierend oder widerwärtig zu finden. Die Geschichte der Fotografie ist voll von unbequemen Bildern.

Wie hat Mapplethorpe die Klassik unterminiert, um die eigene Lust vorzuführen?

Er hat nur das benutzt, was traditionell bereits vorhanden war. Zwischen der klassischen Antike und der zeitgenössischen Reproduktion ihrer Werke liegen weit über 2000 Jahre. Die verschiedenen Bedeutungsebenen sind hierbei ungeheuer vielfältig. Da sind zum Beispiel die fleischlichen Aspekte der nackten menschlichen Gestalt in der Renaissance, wobei einige Jahre später die freizügigen Darstellungen in der Sixtinischen Kapelle mit Feigenblättern bedeckt wurden. Stets gab es eine Überschneidung und Spannung zwischen dem, was als Ideal betrachtet wurde und der all zu wirklichen Nacktheit des menschlichen Körpers.


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