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Sarkophage für die Welt von Morgen


Seit dem 21. Juli lagern in Deutschlands berühmtestem Bergwerkstollen in Oberried nahe Freiburg neben den Kulturschätzen der Vergangenheit auch 50 Kunstwerke ein. Der Konzeptkünstler Adalbert Hoesle hat Kollegen und Kolleginnen aus Deutschland zu dieser „Verschluckung“ eingeladen, bei der die künstlerischen Arbeiten für 1.500 Jahre unter den Sonderschutz der UNESCO gestellt werden. Harald Fricke war für db artmag dabei, als die Kunst ihre Reise in die Zukunft antrat.



Eingang zum Barbarastollen in Oberried, Foto: Harald Fricke

Kurz hinter Oberried ist der Abzweig gesperrt. Ein Feuerwehrmann winkt das Auto heran und lässt den Fahrer wenig später doch die schmale Straße den Berg hinauf passieren. Fünfhundert Meter weiter ist die Route dann aber endgültig blockiert, weil sich bereits zu viele Autos auf dem kleinen Parkplatz unweit des Barbarastollen drängen – Reisebusse inklusive.

Über 200 Menschen haben sich am ehemaligen Silberbergwerk eingefunden, das kilometerweit in die Felsen des Schauinsland am Rande des Hochschwarzwalds bei Freiburg hineinragt. Die Arbeiterwohlfahrt hat ein großes Gartenzelt aufgebaut, an einem improvisierten Tresen gibt es Gulaschsuppe und Fassbier, zwei Gitarristen prüfen noch die Mikrofone der Lautsprecheranlage. Oberried feiert "Verschluckung": Der Konzeptkünstler Adalbert Hoesle, der sich selbst als "Retrogradist" bezeichnet, hat 50 deutsche Künstler und Künstlerinnen, von denen fast die Hälfte in der Sammlung der Deutschen Bank vertreten ist, für ein Projekt eingeladen. Jetzt will die Bevölkerung aus den umliegenden Dörfern, ein Tross an Presseleuten und Fernsehteams, dazu ein gutes Dutzend der beteiligten Künstler sehen, was es denn mit ZBO-SdM 052004 – Subduktive Massnahmen auf sich hat.




Ankunft der Kunstwerke für die "Verschluckungs"-Aktion. Foto: Harald Fricke

Hinter dem merkwürdigen Namen verbirgt sich eine von langer Hand vorbereitete Aktion. Zum 50jährigen Bestehen der Haager Konvention, die den "Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten" regelt, werden 50 Fässer im Barbarastollen eingelagert. Ihr Inhalt: zeitgenössische Kunst. Hoesle hat Kollegen und Kolleginnen im Vorfeld besucht und ihnen angeboten, eine neue Arbeit zu produzieren oder ein bereits bestehendes Kunstwerk zur Verfügung zu stellen, die in versiegelten Edelstahlcontainern für 1.500 Jahre als von der UNESCO geschütztes Kulturerbe im Barbarastollen deponiert werden. Damit soll der Kunst ein besonderer Dienst erwiesen werden – immerhin befinden sich am selben Ort auf Mikrofilm übertragen die wichtigsten Kulturschätze der deutschen Geschichte: Die Krönungsurkunde Otto des Großen von 936, der Bauplan des Kölner Doms, die Bannandrohungsbulle von Papst Leo X. gegen Martin Luther vom 15. Juni 1520 oder auch der Vertragstext des Westfälischen Friedens von 1648.



Adalbert Hoesle beim Entladen der Container.
Foto: Maria Morais

Tatsächlich ist der Barbarastollen bei Oberried außergewöhnlich. Als einziger Ort in Deutschland steht die zentrale Bergungsstelle für kulturhistorisch wertvolle Archivalien unter Sonderschutz, damit die hier gelagerten Duplikate einem möglichen Verlust durch Natur- oder Kriegseinwirkung entgehen können. Das ist das Ziel der Haager Konvention, die nach den Erfahrungen des ersten und zweiten Weltkriegs 1954 formuliert und seither von bald 100 Staaten unterzeichnet wurde. Den Anfang machte Ägypten 1955, die Bundesrepublik Deutschland kam am 11. August 1967 dazu, noch in den letzten vier Jahren sind unter anderem die Volksrepublik China, Ruanda und El Salvador dem Schutzpakt beigetreten. An der Sicherung des Bestands wird in Deutschland jedoch schon seit 1961 gearbeitet: In zwei Kammern des Stollens lagern in 400 Meter Tiefe jeweils 50 Meter lang aufgereihte Edelstahlzylinder bei 10 Grad durschnittlicher Temperatur und 60 % Luftfeuchtigkeit ein. Jeder Container enthält bis zu 16 Großrollen Filmmaterial, die jede für sich 1.520 Meter Mikrofilm enthalten – das sind bald 25 Kilometer mit mühevoll abfotografierten Dokumenten pro Behälter. Schaut man die Regale mit den aufgestapelten Fässern entlang, bekommt man leicht einen Eindruck davon, wieviel historisches Wissen sich hier befindet: Allein aus der DDR wurden nach der Wiedervereinigung ab 1990 zusätzlich über acht Millionen Meter Film mit schützenswertem Archivmaterial übernommen, damit die Geschichte nicht verlorengeht.

Wenigstens in den kommenden 500 Jahren. Denn für diese Zeitspanne ist garantiert, dass der Mikrofilm nach wissenschaftlichen Erkenntnissen als Speichermedium genutzt werden kann, ohne dass die Informationen beschädigt werden. Was danach geschieht, weiß allerdings niemand; vermutlich wird sich das Zelluloid allmählich auflösen und für die in weiter Ferne liegende Zukunft völlig unbrauchbar sein. Aber wer weiß schon, was in 500 Jahren geschieht, zumal selbst die erste Luther-Bibel von heute aus besehen dieses hohe Alter noch nicht einmal erreicht hat?



Beim Transport der Container

Sollte das Konzept von Hoesle aufgehen, könnte die Kunst dagegen den gesamten anderen eingelagerten Fundus der Geschichte überleben. Schließlich ist der Holzscheit, den Christoph Schlingensief als Überbleibsel seiner Sitzpfahl-Performance aus dem letzten Jahr in seinem Container verstaut hat, sehr viel robuster als jeder Filmstreifen. Von der in Köln lebenden Künstlerin Rune Mields weiß man, dass sie sich für Zahlen und Systeme interessiert, die vermutlich auch ihrer Zeichnungsserie Die Ziffernsysteme der Welt zugrunde liegen.

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