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Minimal MoMA


Donald Judd: Ohne Titel, 1961-78, Sammlung Deutsche Bank, © Art Judd Foundation. Licensed by VAGA, NY / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

In den sechziger Jahren rebellierten die amerikanischen Künstler der Minimal Art mit geometrischen Formen und industriellen Werkstoffen gegen die Vormacht des Abstrakten Expressionismus. Zugleich wendeten sie sich aber auch von der europäischen Tradition ab. Dafür wurden die Minimalisten von der Kritik gescholten, die in den Arbeiten von Donald Judd oder Robert Morris ein Übermaß an theatralischer Inszenierung sahen. Harald Fricke über eine Kunst, die sich zum Prinzip des "less is more" bekannte und schon in ihren Anfängen vom Museum of Modern Art gesammelt wurde.


Sol LeWitt: Serienprojekt I (ABCD), 1966. Foto: Maria Morais, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Knapp zwei Monate Laufzeit stehen der Ausstellung noch bevor. Dann geht mit " Das MoMA in Berlin " eine der erfolgreichsten Präsentationen der Kunst der Moderne zu Ende. Noch immer winden sich die Schlangen der Besucher täglich um die Neue Nationalgalerie, werden sie für die weiterhin drei Stunden langen Wartezeiten von freundlichen Helferinnen umsonst mit kleinen Klappsitzen ausgerüstet. Dabei gibt es schon von der äußeren Umrandung des gläsernen Baus aus einen wunderbaren Einblick in die Kunstsammlung des Museum of Modern Art, bevor man dann endlich den Eingang erreicht hat. Wer an der Südseite ansteht, kann über die vertrackten Achsen und Winkel rätseln, die Tony Smith für seine geometrisch gegliederte Skulptur Freifahrt von 1962 benutzt hat; und Walter de Marias Käfig II (1965) aus verchromten Stahlstäben lässt sich überhaupt von der Rückseite des Gebäudes aus am besten betrachten. Fast scheint es, dass Mies van der Rohe bereits eine solch unmittelbare Begegnung mit Kunst anfang der sechziger Jahre im Sinn hatte, als er den im Sommer 1968 fertiggestellten Bau plante. Tatsächlich kann man sich kaum eine bessere Ergänzung zu der reduzierten Architektur aus Glas, grauem Granit und Stahlstützen vorstellen als die damals zeitgleich entstandene Minimal Art: " Less is more" war das Credo des Ex- Bauhaus-Meisters Mies van der Rohe; und nach eben jenen Prinzipien von "less is more" sind auch die meisten der vom MoMA ausgewählten Skulpturen konzipiert, die in der oberen Halle der Neuen Nationalgalerie noch bis zum 19. September zu sehen sein werden.

Walter de Maria: Käfig II, 1965; Edelstahl.
Foto: Maria Morais

Dabei verdankt die neben Pop Art einflussreichste Kunstbewegung der Sixties ihren Namen keineswegs der Nähe zur Architektur. Im Januar 1965 wurde der Begriff erstmals von dem New Yorker Kunsthistoriker Richard Wollheim in einem Artikel für die Zeitschrift Arts Magazine benutzt. Damals schrieb Wollheim, dass die Kunst des 20. Jahrhunderts sich seit Marcel Duchamps Readymades um eine radikale Begrenzung und Bündelung ihrer ästhetischen Mittel bemüht habe, die er in Ad Reinhardts schwarzen Gemälden ebenso am Werk sah wie in der Malerei von Robert Rauschenberg. In seinen Überlegungen griff er sogar auf Stephane Mallarmé zurück, der einmal seine Verzweiflung angesichts eines weißen Blatt Papiers geäußert hatte. Für Wollheim allerdings hätte der französische Dichter das Blatt ebensogut in diesem nackten Zustand belassen können – als Sinnbild des inneren Kampfes um Ausdruck. Das wäre nach Auffassung des Kunsthistorikers "ein extremes Beispiel für das, was ich Minimal Art nenne". Das Minimum wird hier zum Maximum künstlerischer Selbsterfahrung, zur Verdichtung von etwas, was sich nicht mehr anders als durch Leere vermitteln lässt. Denn in der Abwesenheit von Bildern wird der reine Geist erkennbar.


Carl Andre: 144 Lead Square, 1969. Foto: Maria Morais, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Natürlich beschreibt das Beispiel eine Grenzsituation. Trotzdem geht es Wollheim nicht bloß um die Irrwege einer absoluten künstlerischen Freiheit: Zu zeigen, dass es nichts zu sehen gibt - so wie schon Sokrates von sich behauptete: "Ich weiß, dass ich nichts weiß". Was seit bald 2.500 Jahren zum Kanon philosophischer Meditationen gehört, hat in der Kunst sehr viel Streit nach sich gezogen. Der Minimal Art wurde der Verzicht auf figürliche Darstellungen und die bunten Farbenspiele der Abstraktion nicht nur vom Massenpublikum, sondern auch von der Kritik übel genommen.


Donald Judd: Ohne Titel, 1968. Foto: Maria Morais, ©Art Judd Foundation. Licensed by VAGA, NY / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Donald Judd und Robert Morris stellten ihre Boxen aus Stahl, Aluminium, Messing oder Spiegeln nicht mehr selber her, sie ließen die gesamte Produktion von Spezialfirmen übernehmen. Carl Andre legte 1969 für 144 Lead Square quadratische Bleiplatten auf dem Fussboden aus, die für ihn Sockel und Objekt zugleich waren, oder er konstruierte mit Ziegelsteinen stegähnliche Reihungen, die den Raum der Galerie versperrten. Sol Lewitt benutzte für sein Serial Project I (ABCD) weiß emailliertes Aluminum, das nach mathematischen Formeln zu Quadern angeordnet wurde. Überall triumphierten Rechtecke und einfache geometrische Gebilde nach den Exzessen des Abstrakten Expressionismus, und die Kunstwelt fragte sich ratlos wie schon zu Zeiten von Marcel Duchamps notorischem Urinal: Ist das noch Kunst? Der technische Alltag und die Massenartikel der amerikanischen Industriegesellschaft hatten das Museum vollends erobert. Wo sich Pop Art noch der Bildwelt aus Werbung, Fernsehen und Hollywood-Glamour mit augenzwinkernder Ironie bemächtigt und jede noch so geringe Banalität larger than life reproduziert hatte, war in der Minimal Art auch die Kunst nurmehr ein Objekt unter vielen. Statt Ikonen gab es schmucklose Dinge auf der Suche nach dem Ding-an-sich.

Manche Künstler waren sich selbst nicht sicher, wie sie ihre eigene Arbeit definieren sollten. Als Dan Flavin mit seinen Neonröhren-Installationen 1964 in der New Yorker Green Gallery debütierte, wußte er nicht einmal genau, um was für eine Art von Kunst es sich dabei handelte – mit Bildhauerei im herkömmlichen Sinne hatten die Arrangements für ihn jedenfalls nicht viel gemeinsam. "Mein eigener Plan wurde vor allem eine Zimmerroutine, das Anbringen von Leuchtstofflampen.

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