In dieser Ausgabe:
>> Robert Mapplethorpe und die klassische Tradition
>> Heavenly Creatures

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Hernan Bas: Untitled, 2004
Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg

Dieser Variante stellt Heavenly Creatures ein dunkleres, ironischeres Ebenbild gegenüber, das die Faszination von Punk Rock, Gothic und Pornographie nicht unbedingt ausschließt. Auch wenn der an Retro-Kultur geschulte Blick gleichfalls in die Vergangenheit schweift, sind hier viele Künstler auch an Okkultismus, Symbolismus, oder am Dandytum des Fin de Siecle orientiert. „Ich verspüre diesen Drang, mir Gestalten und Mythologien anzusehen, die bereits Wilde oder Huysmans inspiriert haben. Für mich ist das eine ganz gängige Methode geworden, etwas über meine eigene Beziehung zu genau denselben Bildern herauszufinden. Wieso disponiert Homosexualität einen dazu, diese Dinge gut zu finden? Als Resultat ist meine Arbeit von Märtyrern im Stil des Heiligen Sebastian, von sterbenden Dandys und Pfauenfedern durchsetzt, dem Material das dieses ganz bestimmte Vokabular der schwulen Subkultur geprägt hat.“ Mit 26 Jahren ist der aus Miami stammende Hernan Bas dabei zu einem Star der jungen amerikanischen Szene zu avancieren. Bekannt wurde er mit Gemälden und Serien von überarbeiteten Fotografien wie Bloodwerk (2002), in denen er jungenhafte Modells aus den Anzeigenkampagnen von Jil Sander, Prada oder Helmut Lang mit den Insignien von Geisterglauben, Besessenheit und Satanismus ausstattete: blutende Wunden, Pentagramme, züngelnde Flammen, ausströmendes Ektoplasma. Bei Bas überlagern sich Bildwelten aus Pfadfinder-Handbüchern und Hochglanzmagazinen mit Illustrationen von Sagen, Märchen und klassischer Literatur. Moby Dick meets Oscar Wilde: Die bleichen, androgynen Gestalten, die sich in Serien wie On the Edge of Elysium (2004) dekadenten und rauschhaften Freuden hingeben, die gefährliche Welt des Übernatürlichen erkunden, oder wie in Untitled (2004) mystisch - maritime Szenen bevölkern , lassen das jugendliche Coming-Out zugleich als Bestandteil der Initiation in die Subkultur erscheinen.


Hernan Bas: Untitled, 2004
Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg

Zu keinem Zeitpunkt des Lebens können die Erschütterungen erster sexueller Erfahrungen und Sehnsüchte gepaart mit den geheimen Kräften des Unbewussten größere Energien freisetzen als in der Pubertät. Wie auch Bas thematisieren der kanadische Künstler Paul P. oder die aus Hawaii stammende Tracy Nakayama die erotischen Erinnerungen und Fantasien, die massenmediale Bilder auslösen können. Hierbei erscheint die Zeit der sexuellen Revolution vor dem Ausbruch von Aids als der Stoff, aus dem die Mythen sind. So fand Nakajama in alten Playgirl-Ausgaben das Material für ihre Aquarelle, die mit der Darstellung von Intimität und Nacktheit die Unschuld des ersten Mals heraufbeschwören und mit der reduzierten Darstellung von körperlicher und spiritueller Freizügigkeit die Freuden sexueller Erfüllung zelebrieren. Angeregt durch die ästhetischen Theorien des Pariser Dandys Robert de Montesquiou (1855-1921) inszeniert Paul P. in den zarten Zeichnungen und Wasserfarben der Serie Blue Hydrangea (2004) die Antlitze von vergessenen juvenilen Stars aus schwulen Pornos der Siebziger und Achtziger vor ornamentalen Blüten- und Blumenhintergründen - als fragile Sinnbilder idealisierter Schönheit, die zugleich von Verlusten und unerfülltem Begehren sprechen.



Katherine Bernhardt: Black Beauty, 2004
Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg

Die Suche nach einem "Common-Self", nach Etwas, was a priori fiktiv und phantastisch ist, aber trotz aller Eigentümlichkeit auch die alltägliche Lebenswelt betreffen könnte, verbindet die Teilnehmer der Ausstellung. Stehen Rita Ackermann oder die in New York arbeitende Malerin Katherine Bernhardt bereits seit Ende der Neunziger für eine neo-expressive Malerei, die aktuelle sozio-kulturelle Phänomene aufgreift, setzen sich die Diskurse um Gender, Medien, Popkultur, Kunst und Konsum auch bei den Newcomern in der Ausstellung fort. In Zeiten nach dem 11. September und unter dem repressiven kulturellen Klima der Bush-Administration beschwören die dunklen Wunschwelten von Heavenly Creatures die subversive Kraft von Jugendbewegungen, die Magie von Sex und Rock n’ Roll oder die schwüle Ästhetik vergangener Boheme-Zirkel. Auch wenn das auf den ersten Blick vom Rückzug in die Sphären des Privaten oder Esoterischen zeugen kann, geht es hier um das Gegenteil. Der Angst vor dem Fremden, Unheimlichen und Verbotenen stellen die Künstler eine vorurteilslose Öffnung der Wahrnehmung gegenüber. Die Gespenster, Geister und Phantome, die Symbole des Ausgegrenzten und Marginalisierten, die sich unter der Oberfläche einer zunehmend gleichgeschalteten und paranoiden Kultur verbergen, werden ganz ausdrücklich herbeigerufen. In diesem Sinne appelliert Heavenly Creatures nicht nur an die imaginären Traumwelten von Außenseitern und Heranwachsenden, sondern auch an jene umstürzlerische Imagination und Energie, die uns allen innewohnt.

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