In dieser Ausgabe:
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Unerschlossene Körperzonen


Drastisch, gottgleich, erhaben: Mit der Ausstellung „Robert Mapplethorpe und die klassische Tradition“ zeigt das Guggenheim Berlin Parallelen zwischen den Aktfotos, Porträts und Stillleben des 1989 verstorbenen New Yorker Künstlers und den Schönheitsvorstellungen und Götterdarstellungen des Manierismus auf



Robert Mapplethorpe: Derrick Cross, 1983,
©Robert Mapplethorpe Foundation


Für das New Yorker Guggenheim Museum war Robert Mapplethorpes Werk ein ganz besonderes Geschenk. Im Jahr nach seinem frühen Tod mit 43 Jahren an den Folgen von Aids überließ die Robert-Mapplethorpe-Foundation der renommierten Institution einen großen Teil des Nachlasses aus dem Werk des Fotografen – und legte damit den Grundstock für die seit nunmehr 14 Jahren ausgebaute fotografische Sammlung des Guggenheim Museums. Insofern ist die umfangreiche Themenausstellung Robert Mapplethorpe und die klassische Tradition: Fotografien und manieristische Druckgrafik, die jetzt im Deutsche Guggenheim Berlin mit über 120 Exponaten gezeigt wird, auch eine Verbeugung vor einem Künstler, der nicht bloß die Sichtweise auf männliche Körper verändert hat, sondern überhaupt Pornografie und Homosexualität ins Museum brachte.

Seither ist die Diskussion um Gender und sexuelle Emanzipation weit über akademische Zirkel und Künstlerkreise hinaus bis in die Nachmittags-Talkshows im Fernsehen vorgedrungen. Umgekehrt gilt Robert Mapplethorpe längst nicht mehr nur als Skandal-Ikone der hedonistischen 70er und 80er Jahre, sondern wird als Klassiker der Akt- und Porträtfotografie in einem Atemzug mit Man Ray, Edward Weston oder Robert Frank genannt. Die Ausstellung, die vom New Yorker Guggenheim in Kooperation mit der Eremitage in St. Petersburg initiiert wurde, geht noch einige Schritte weiter. Anhand der Gegenüberstellung seiner Fotos mit Skulpturen, Kupferstichen und Druckgrafiken aus dem 16. Jahrhundert will sie den Einfluss des Manierismus auf die Kunst von Robert Mapplethorpe zeigen. Aus Moskau stammen dabei die vielzähligen Bilder niederländischer Manieristen, und auch die Skulpturensammlung der Staatlichen Museen Berlin hat Bronzefiguren wie etwa Barthélémy Prieurs Junge Frau, sich Nägel schneidend von 1565 für den Vergleich zur Verfügung gestellt. So wird Mapplethorpes Werk in eine Tradition eingeschrieben, die sich als Urquell der visual culture entpuppt: Das Bild des Menschen, der unabhängig von dem für die jeweilige Epoche geltenden Schönheitsideal in seiner unmittelbaren Körperlichkeit durchaus verherrlicht wird.

Barthelemy Prieur: Junge Frau, sich die Nägel schneidend, ca. 1565, © 2004 State Hermitage Museum, St. Petersburg Robert Mapplethorpe: Patti Smith, 1976, © Robert Mapplethorpe Foundation


„Ordnung ist ein ganz wichtiger Faktor in meiner Arbeit. Ich bin ein Perfektionist. Nichts darf unklar bleiben. Wenn ich an einem Kopf arbeite, muss er sich in der richtigen Position befinden, wo die Nase die Wange trifft“. In diesem Zitat von Robert Mapplethorpe aus der Zeitschrift Newsweek vom 25. Juli 1988 spiegelt sich mehr als nur die Akribie des Fotografen bei der Arbeit im Studio. Für Mapplethorpe war Fotografie die Kunst, ein Begehren zu visualisieren, das sich im Augenblick der Betrachtung vom Objekt löst und quasi ganz in der Vorstellung des Betrachters aufgeht. Diese Art Transzendenz hat Mapplethorpe allerdings mit hocherotisch besetzten, mitunter obszönen Darstellungen angestrebt – halb erigierte männliche Geschlechtsorgane, sadomasochistische Sex-Praktiken, alles wurde ihm zum Material auf der Suche nach vollendeter Form.

Aber ist diese Besessenheit im Ringen um Perfektion bereits ein Bindemittel, das Mapplethorpes drastische Körperszenarien mit den mythenbeladenen Motiven der späten Renaissance vereint? Germano Celant, der als Kurator des Guggenheim Museums gemeinsam mit seiner New Yorker Kollegin Jennifer Blessing und Arkady Ippolitov von der St. Petersburger Staatlichen Eremitage die Ausstellung vorbereitet hat, sieht in der Tat die unverblümte Nacktheit als eine künstlerische Strategie, die über die Jahrhunderte nichts an Faszination eingebüßt hat. Deshalb hat er sämtliche Arbeiten, die ihm zur Verfügung standen, in gemischten Gruppen gehängt, die nun den gesamten Ausstellungsraum wie ein durchlaufendes Fries aus Porträts, Aktaufnahmen, Stilleben und Vanitas-Bildern rahmen. Mapplethorpes Gruppenakt Ken, Lydia and Tyler aus dem Jahr 1985 wird von Jacob Mathams nach Hendrick Goltzius im 16. Jahrhundert entstandene Die Grazien ergänzt, das Pendant zu Mapplethorpes tanzendem Paar Thomas and Dovanna (1986) ist Jan Harmensz. Mullers Raub einer Sabinerin, ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert.

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