In dieser Ausgabe:
>> Landschaftsmalerei in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die zweite Natur: Landschaft und Fotografie
>> Ernesto Neto: Reisen in innere Landschaften
>> Land Art: Ausbruch aus dem Kunstraum

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Auch Gursky rückt auf seinen frühen Fotos das paradoxe Verhältnis zwischen Natur und Zivilisation ins Zentrum. Wenn er eine Wiese zeigt, dann schlängeln sich von links und rechts die Kurven einer Landstraße durch das Ödland; und wenn er von schräg oben mit der Kamera ein Tal mit Flussbett ablichtet, dann sieht man erst nach einer Weile die Angler, die winzig klein durchs Wasser waten. Dabei kann man an die romantischen Landschaftsszenen eines Casper David Friedrich denken, doch bei Gursky bleibt die Natur unbeseelt, sie ist kein Abbild der Sehnsucht des Menschen nach einem Urzustand. Stattdessen zeigt er, wie sich der Mensch in seiner Umgebung eingerichtet hat – ein bisschen verloren zwar, aber doch im Besitz der Kontrolle über das weite Feld der Natur.


Andreas Gursky: Breitscheider Kreuz, 1990
Sammlung Deutsche Bank, © Courtesy: Monika Sprüth Galerie, Köln / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Man könnte sich in diesen Szenarien durchaus die Musik von Kraftwerk vorstellen, wie die Gruppe in dem Stück Autobahn singt: "Die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand".

Gerade die ungeheure Abstraktion, die Gursky mit der extremen Entfernung erzeugt, aus der er Landschaften fotografiert, gibt den Orten ihre Allgemeingültigkeit. Trotz der scheinbar unendlichen Ausdehnung wirken sie wie ein vages Terrain. Die Welt da draußen im Freien hat bei Gursky den Möglichkeitssinn behalten, sie bleibt bei allem Stillstand doch veränderlich, gerade weil der Mensch immer wieder in sie eingreift. Insofern hält er auf seinen Fotos beides fest: die Bändigung durch die Zivilisation und die Wildniss mit ihrem Chaos aus zufälligen Landschaftsformationen.

Nur bei einem Fotografen kann man ganz sicher sein, dass die Natur sich nicht mehr gegen die Zurichtungen durch den Menschen wehrt: Thomas Demand zeigt seit Jahren schon Motive, die er im Atelier mühevoll zusammenmontiert, bevor er Inneneinrichtungen ganzer Büros oder Fernsehstudios als Fake aus Papier massstabsgetreu fotografiert.



Thomas Demand: Lichtung, 2003
Courtesy Galerie Schipper & Krone, Foto: Nic Twiggenhorn, © VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Dieses Verfahren hat Demand sogar auf Landschaftsdarstellungen ausgedehnt: Auf der letzten Biennale in Venedig sah man unter dem Titel Lichtung eine großformatige Stellwand mit einem dicht bewachsenen Blätterwald, der doch nur eine detailgenaue Kopie von Natur war und zugleich zwischen den Bäumen der venezianischen Gärten täuschend echt erschien. In dieser Art Fotorealismus wird Landschaft vollends zum handgemachten Konstrukt: Kein noch so beschlagener Kalenderblattprofi hätte die Schönheit der Natur besser in Szene setzen können.

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