In dieser Ausgabe:
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Das Paradox der Praxis
Schritt für Schritt: eine Annäherung an Francis Alys


Francis Alys gehört zu den Stars der jungen internationalen Szene. Der in Mexiko lebende belgische Künstler schafft keine bleischweren Skulpturen für die Ewigkeit, sondern bewegliche und manchmal absurde Kunst, die – ganz in der Tradition der Situationisten und der Fluxus-Bewegung – vor allem im Moment ihrer Entstehung und im Kopf stattfindet. Zurzeit sind im Kunstmuseum Wolfsburg und im Berliner Martin-Gropius-Bau zwei große Werkschauen zu sehen, die seine Arbeit dokumentieren. Auch in der Sammlung Deutsche Bank ist Alys mit seinen Werken vertreten. Katrin Wittneven über Alys' eindrucksvolle Bilder und Aktionen.



Francis Alys, 2004
©Foto: Mike Wolff/ Der Tagesspiegel, 2004, All Rights Reserved

Auf dem Weg zu Francis Alys: Mit 260 Stundenkilometern rast der Zug von Berlin nach Wolfsburg, nicht einmal 60 Minuten braucht er für die Strecke. Zu Fuß wäre die Distanz nur innerhalb von mehreren Tagen zu schaffen. Dafür würde man natürlich entsprechend mehr erfahren von der Landschaft, den Menschen, den Übergängen und Groß- und Kleinstädten, Dörfern und Brachen als in der zum Bildschirm erstarrten Landschaft jenseits des ICE-Fensters. Gedanken über das Gehen begleiten den Besucher in der ersten deutschen Retrospektive Walking Distance from the Studio von Francis Alys im Kunstmuseum Wolfsburg. Nicht nur, dass der Künstler die sonst horizontal ausgerichteten Ausstellungsräumen durch Einbauten ergänzt hat und es treppauf, treppab in roh gezimmerte Kabinette geht. Vor allem aber zieht sich das Laufen wie ein roter Faden durch die Arbeiten des 1959 geborenen Belgiers. Der in Mexiko-City lebende Alys geht, oder besser: Er führt "paseos" durch – Spaziergänge. Mal trägt er dabei eine Farbdose, aus der die Farbe im feinen Strahl heraus rinnt und die zurückgelegte Wegstrecke markiert, mal ribbelt sich wie bei seiner Aktion Fairy Tales (1994) Schritt für Schritt sein Pullover auf. Für die Ausstellung NowHere läuft er 1996 eine Woche durch Kopenhagen und nimmt jeden Tag eine andere Droge. Ein Jahr später schiebt er durch die Straßen seiner Heimatstadt einen der großen Eisblöcke, mit denen die mobilen Straßenhändler Getränke kühlen. Das rasch schmelzende Eis hinterlässt eine verdunstende Wasserspur. Nach ein paar Stunden kickt der Künstler einen kleinen Eiswürfel, dann ist nur noch eine versickernde Wasserlache zu sehen. Übrig bleibt allein der dokumentierende Film mit dem Titel „Paradox der Praxis“ und weiter „Manchmal führt es zu nichts, wenn ich etwas tue“.

Fairy Tales, 1994 Kolorierte Fotografie
©Der Künstler

Das Ziellose ist eine wiederkehrende Eigenschaft dieser Werke, die wie Gegenmodelle unserer auf Effizienz getrimmten Welt erscheinen. In der zeitgleich zur Wolfsburger Ausstellung stattfindenden Berliner Werkschau anlässlich der ersten Verleihung des mit 77.000 Euro dotierten Blue-Orange-Kunstpreises ist ein roter VW-Käfer zu sehen, der wieder und wieder versucht einen Berg hoch zu fahren. Aus dem Lautsprecher hört man dazu eine Bandprobe. Jedes Mal, wenn das Auto in Alys' Videoinstallation The Rehearsal (1999-2004) die Spitze des Hügels fast erreicht hat, stoppt die Musik und das Auto rollt zurück. Oder ist es umgekehrt? Hört die Musik auf, weil der Motor nicht stark genug ist, den Berg zu erklimmen, wie bei vielen der gerade noch fahrenden Autos auf den Straßen Mexikos? Alys lässt in seinen perfekt choreographierten Aktionen beide Perspektiven zu. Zeichnungen, Skizzen und Modelle geben zudem Auskunft über die Entstehung der Filminstallation und machen deutlich: Hier ist ein präziser Planer am Werk, der dennoch dem Zufall und dem Ungewissen in seinem Werk immer ein Mitsprachrecht einräumt.

Videostill aus "The Rehearsal" (1999-2004)
©Der Künstler
The Rehearsal,
Installationsansicht aus der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau,
Berlin, 2004


Dieses Unprätentiöse, fast Beiläufige spiegelt sich auch in der Präsentation seiner Werke wider: Leinwände lehnen in Wolfsburg an der Wand oder liegen auf dem Boden. In Berlin, so war bei der Eröffnung der Ausstellung im Martin Gropius Bau zu hören, sollte anfangs nur eine einzige Installation zu sehen sein. Allein in seinem Reisegepäck hatte der Künstler dann aber genug Material, um gleich mehrere Räume zu füllen: mit Videoprojektionen, kleinformatigen, wächsern erscheinenden Bildern, die sich als déja vue in der Ausstellung wiederholen, oder Schautafeln. Alys schafft keine bleischweren Skulpturen für die Ewigkeit, sondern bewegliche und manchmal absurde Kunst, die – ganz in der Tradition der Situationisten und der Fluxus-Bewegung – vor allem im Moment ihrer Entstehung und im Kopf stattfindet.

l'adoration des images, 2001
Sammlung Deutsche Bank
Study for la Bataille du Bien & du Mal, 2001
Sammlung Deutsche Bank

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