In dieser Ausgabe:
>> Art Downtown II: Connecting Collections in New York
>> Robert Mapplethorpe und die klassische Tradition

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Upstairs, Downstairs:
Wie die New Yorker Ausstellung „Art Downtown II: Connecting Collections“ vorbereitet wird



Um das Bankenviertel in Downtown Manhattan mit neuem kulturellen Leben zu füllen geht das gemeinnützige Projekt „Wall Street Rising“ neue Wege. So werden ab dem 22. Oktober 2004 prominente New Yorker, wie der Theatermacher Robert Wilson, die Designerin Diane von Fürstenberg oder Russel Simmons, der Gründer des legendären Plattenlabels „Def Jam“, als Kuratoren zu einer ungewöhnlichen Ausstellung fungieren: Im Rahmen von „Art Downtown II: Connecting Collections“ werden im ehemaligen Bankgebäude 48 Wall Street Arbeiten aus den Privatsammlungen der Kuratoren gemeinsam mit ausgewählten Kunstwerken aus der Sammlung Deutsche Bank gezeigt. Zugleich ist die Bank Hauptsponsor für dieses Ereignis. Für db artmag hat Cheryl Kaplan die Vorbereitungen zur Schau beobachtet.



Robert Wilson und Liz Christensen im Gebäude 48 Wall Street
©Fotos: Cheryl Kaplan, New York, All Rights Reserved

Robert Wilson kommt die große gewundene Treppe des Hauses 48 Wall Street herunter, jenes ältesten New Yorker Bankgebäudes, das einst auch die Geschäftsräume des Staatsmannes und Bankiers Alexander Hamilton beheimatete. Wilsons Weg führt in einen leer stehenden Seitentrakt gleich neben der Eingangshalle im Untergeschoss. Immer wieder durchschreitet er den riesigen Raum, um die Gestaltung seiner Tableaus zur kommenden Ausstellung Art Downtown II: Connecting Collections genauer festzulegen. Er macht hier nur für eine Stunde Zwischenstation, auf dem Weg von Watermill, NY, wo er den ganzen Sommer seine Theateraufführungen vorbereitet hat, zum Flughafen, von dem aus er nach Hamburg fliegt. Doch jetzt wirkt er eher wie ein Feldvermesser als ein Theatermann, der Regieanweisungen gibt. Seine Hände tasten an einer unsichtbaren Wand entlang. „Drei Fuß hoch“, sagt er zu seinem Assistenten, und als er ein kleines Fenster in Straßenhöhe erblickt: „Das muss weg.“ Dann wendet er sich an Liz Christensen, die Kuratorin der Deutschen Bank New York, und fragt: „Sie waren doch bestimmt schon mal in der Vestry Street, oder?“, Liz nickt. Sie kennt Wilsons Loft. „Wir nehmen die Stühle aus der Vestry Street und welche aus Watermill und wahrscheinlich kommen noch einige Skulpturen hinzu.“ Wilson lehnt sich an eine Ecke und während alle zuschauen zeichnet er in Sekunden einen architektonischen Entwurf auf das Papier. Schließlich fügt er hinzu: „Faxen Sie mir doch bitte die Details, ich schaue mir das dann im Flugzeug genauer an.“ Ganz egal, ob noch ein Gewirr aus Kabeln von der Decke hängt, und die Säulen in der Halle dringend gestrichen werden müssen - unter Wilsons Händen wird sich diese Umgebung in einen makellos weißen Raum verwandeln, in dem eine Reihe von Papierarbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank mit über 40 Stühlen und Skulpturen aus Wilsons Privatsammlungen in genau abgestimmten Tableaus (Beispiele hier) präsentiert werden.


Robert Wilson bei der Begehung 48 Wall Street
©Fotos: Cheryl Kaplan, New York, All Rights Reserved

Wenn es einen Begriff gäbe, der das Konzept von Connecting Collections am besten beschreiben könnte, wäre es der der Transformation. Die Ausstellung siedelt zeitgenössische Kunst innerhalb unterschiedlicher geschichtlicher Zusammenhänge an. Während sie ganz unmittelbar auf die Architektur des traditionellen Bankenviertels an der Wall Street Bezug nimmt, geht es bei der Schau zugleich um die Mission von Wall Street Rising, einer gemeinnützigen Organisation, die von Julie Menin gegründet und von ihr als ausführender Direktorin geleitet wird. Nach dem 11. September geht es Wall Street Rising vor allem darum, Lower Manhattan als Zentrum für Kunst und Kultur neu zu beleben. Den Anfang machte dabei 2002 Art Downtown I, ein Kunstereignis, das an fünf verschiedenen Ausstellungsorten im Bankendistrikt die Arbeiten von 110 Künstlern präsentierte, darunter Größen wie Thomas Struth, Louise Bourgeois, Jenny Holzer, Cindy Sherman, Robert Mapplethorpe und Vanessa Beecroft.



Mark Dean Veca,Old Fashioned, 2001
Sammlung Deutsche Bank

Um das öffentliche Leben im Bezirk attraktiver zu gestalten, organisiert Wall Street Rising sowohl kulturelle als auch soziale Programme. Direktorin Julie Menin bezeichnet Art Downtown II als „unglaublich wichtiges Instrument, um Lower Manhattan zu revitalisieren, weil die Kunstausstellungen bis spät am Abend und am Wochenende geöffnet sind und so den Grundstein für neues kulturelles Wachstum legen.“ Nachdem die Deutsche Bank schon die erste Ausstellungsreihe mitförderte, ist sie nun Hauptsponsor für Art Downtown II. So sagt Menin: „Wir wollten unbedingt mit der Deutschen Bank zusammenarbeiten, nicht nur wegen ihrer prominenten Unternehmenssammlung, sondern auch weil sie eine entscheidende Rolle bei der Wiederbelebung des Bezirks gespielt hat, indem sie hier über 5000 neue Arbeitsplätze ansiedelte. Wir sind hocherfreut, dass wir hochkarätige Gastkuratoren wie Mikhail Baryshnikov, Diane von Fürstenberg, Danny und Russell Simmons, ebenso wie Robert Wilson gewinnen konnten, die die gesamte Bandbreite verschiedener Disziplinen, wie Musik, Tanz, Theater, Mode und bildende Künste repräsentieren." Unter dem Motto „Connecting Collections“ konzentriert sich die Ausstellung darauf, Arbeiten aus den jeweiligen Privatsammlungen der Gastkuratoren mit Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank zu präsentieren, oder ausgewählte Kunstwerke mit der Unternehmenssammlung in Korrespondenz treten zu lassen. Organisiert wird die Schau unter der Federführung von Liz Christensen in New York und Dr. Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte als Global Heads der Deutsche Bank Art in Frankfurt. Wie Julie Menin anmerkt, „gibt es südlich der Chamber Street kein bedeutendes Museum für zeitgenössische Kunst, und gerade deshalb ist es eine Verpflichtung, diese kulturellen Angebote möglich zu machen.“

Wandgemälde von James Monroe Hewlett, Wall Street 48 © Foto: Cheryl Kaplan, New York, All Rights Reserved Videostill: Chris Doyle, Leap (2000) © Creative Time, New York, 2004


Währenddessen schaut sich ein Planungsteam der Kuratoren im oberen Stockwerk des Gebäudes 48 Wall Street Wandgemälde an, die 1929 vom amerikanischen Künstler James Monroe Hewlett geschaffen wurden und Amerikas historische Entwicklung zur weltweit bedeutendsten Industrienation darstellen. Für seinen Ausstellungsbeitrag hat der Tänzer und Choreograph Mikhail Baryshnikov die Arbeit We again will be Optimists ausgewählt, die auf LEAP, einem Kunstwerk im öffentlichen Raum basiert, das der Künstler Chris Doyle ursprünglich 2000 realisiert hat. Auf vier Videoprojektionen werden unterschiedliche Menschen aus der New Yorker Bevölkerung zu sehen sein, die Luftsprünge vollführen: Die projizierten Figuren haben exakt die Größe der Gestalten auf den Wandgemälden von 1929 und werden so in die Malerei eingepasst, dass sich hier verschiedene Ebenen von Geschichte überlagern.

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