In dieser Ausgabe:
>> Interview mit John Baldessari
>> 2004 California Biennial
>> Die Kunst der Westcoast
>> Kunst und Film

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Dennoch geht es hier auch um durch und durch amerikanische Tragödien: Scheidung, Alkoholismus, Lebenslügen. Indem er vorgefundenes Material, wie zum Beispiel auch die Fernsehbilder des spektakulären O.J. Simpson-Prozesses aufgreift, rüttelt Enzawa am Mythos der amerikanischen Familie.


Libby Black: Burberry / Powell Skateboard, 2004
Courtesy: Der Künstler und Heather Marx Gallery, San Francisco

Das verbindet ihn mit vielen anderen Künstlern der California Biennial. „ Ich dekonstruiere den äußeren Anschein, den sich Familien geben, indem ich ihre Statussymbole aus dem Zusammenhang löse und überarbeite“, äußert die in San Francisco lebende Libby Black. Ihre riesigen Familienporträts und wie Spielzeug wirkenden dreidimensionalen Papierskulpturen untersuchen wie Labels und Marken Gefühle von Intimität, Liebe und Zugehörigkeit auslösen. Nachdem sie in der Vergangenheit bereits Helikopter im Look des Kaufhauses Neiman-Marcus oder Ralph Lauren-Wohnmobile anfertigte, zeigt sie im OCMA Papier-Skateboards im aktuellen Girlie-Design; gehüllt in die freundlichen Muster und Logos von Burberry und Chanel, aus denen höllische Heavy Metal-Schädel hervorgrinsen.


Malerie Marder: Ohne Titel, 2004, C-print
Courtesy: Der Künstler und Greenberg Van Doren Gallery, New York

Der Eindruck zwischenmenschlicher Distanz und sexuell aufgeladener Spannung stellt sich auch bei Malerie Marders Akt-Fotografien ein. Marder – in den USA längst ein Star – lässt Freunde und Familienangehörige an Swimmingpools, Zimmern von Stundenhotels und Vorortsheimen posieren – nackt, erstarrt, verletzlich, in sich selbst versunken. Die Nähe Hollywoods ist unübersehbar. Filme wie Mike Nichols Reifeprüfung (1967) oder Warhols Heat (1972) scheinen Marders Porträts ebenso beeinflusst zu haben wie die inszenierte Fotografie von Cindy Sherman.

Kaz Oshiro: Trash Bin #3 (woodgrain with orange), 2003-4
Sammlung James Corcoran; courtesy: Rosamund Felsen Gallery, Santa Monica
Sean Duffy: Double-Wide Sofa, 2001
Privatsammlung


Die weiße Mittelklasse ist tot, lang lebe die weiße Mittelklasse: Von dem mit Holzmaserungen überzogenen Trash Bin #3 des Japaners Kaz Ohiro, über Sean Duffys Retro-Sitzgruppen, bis zu Ruben Ochoas mobiler Mini-Galerie Class: C, die in einem Lieferwagen untergebracht ist - die Teilnehmer der Biennale dekonstruieren den „American Way of Life“ mit Witz, Kenntnisreichtum und Liebe zum Detail. Ohne eine gewisse Faszination für die konsumorientierte Kultur der Westküste wäre das kaum möglich. Dass trotz des gelegentlich durchschimmernden Zynismus immer auch ein Hauch von Utopie ins Spiel gebracht wird, zeigen die interdiszipliären Konzepte von Gruppen wie VALDES (Los Angeles) oder Futurefarmers (San Francisco), die sich auf Aspekte urbanen Wachstums in Orange County fokussieren. Wenn VALDES hierbei ein digital bearbeitetes Panorama des San Fernando Valley einsetzt, das die endlosen Straßenzüge von nächtlich erleuchteten Reihenhaussiedlungen zeigt, wird ein verfremdeter Pioniergeist spürbar. Das Motiv stammt aus Steven Spielbergs Blockbuster- Film E.T. und der Reisende, der diese unbekannte Landschaft zum ersten Mal erspäht, ist ein Alien.


Oliver Koerner von Gustorf

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