In dieser Ausgabe:
>> Die zweite Frieze Art Fair in London
>> Rebecca Horns Körperlandschaften

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Angelgoat, 2004
©Rebecca Horn / VG Bild-Kunst, Bonn 2004
Foto: Gunter Lepkowski

Die direkte Verbindung von Körper und Medium findet in Rebecca Horns Zeichnungen einen flüchtigeren, abstrakten Widerschein, der gleichwohl von großer formaler Entschiedenheit ist. Die Dynamik der Bewegung zeigt sich in den zwischen 2003 und 2004 entstandenen Bodylandscapes auf andersartige Weise: im statischen Medium, doch von einer vielschichtigen zeichnerischen Bewegung geprägt, die sich dem Betrachter gleichwohl sofort vermittelt. Die Künstlerin selbst beschreibt diese großformatigen, am menschlichen Maß orientierten Zeichnungen so: "Der Körper spannt Antennen weit um sich, in Linien kreisend, den Schwebezustand im Federweiß zu proben. In diesen neuen Zeichnungen, die meinem Körperradius entsprechen, beginnt mit dem ersten Strich ein stilles Einvernehmen mit der Linie des Bleistifts, das Papier zu zerteilen, zu neuen Formen hin zu gliedern, jeder Strich erklärt dem Nächsten sein Dasein. Verwirft, fängt auf, spielt, zerstört, entleert, springt in die Tiefe, spiralt sich hinauf ins Licht, fängt Feuer, schmilzt, fliegt aschegleich, krallt sich am Schweif des Fuchssterns fest, verglüht in leuchtend-rot und senkt sich tief in die Wurzeln des Papiers."


Die Abbildung zeigt zwei Werke:
Links: Floating Souls, 1990
©Rebecca Horn / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Rechts: Les Amants, 1991
©Rebecca Horn / VG Bild-Kunst, Bonn 2004
Foto: Attilio Maranzano

Die eindringliche, fast physisch erfahrbare Abstraktion und Unmittelbarkeit der Bodylandscapes trifft gerade in den aktuellen Rauminstallationen, wie der eigens für Düsseldorf entstandenen Arbeit Yin Yang Drawing the Landscape oder Licht gefangen im Bauch des Wales auf Eindeutigkeit und Lesbarkeit. Diese Arbeiten operieren mit unmittelbarer Symbolik: das Schwarzweiß des Sandkreises, der von zwei lautlos bewegten, überlebensgroßen Pinseln in Bewegung gehalten und immer wieder verunklärt wird, und die Wasseroberfläche, deren Spiegelungen die Textfragmente auf der Wand immer wieder verwerfen.

Der Betrachter erkennt Teile eines Gedichtes, dass nur nach langem Schauen leserlich werden kann - es aber nicht werden muß. Doch werden in diesen Arbeiten die poetischen und surrealen Gehalte, die Rebecca Horn in frühen Arbeiten so unnachahmlich in der spannungsgeladenen Schwebe aus Antizipation und Vergänglichkeit hielt, im universellen Symbol und der Sprache verdichtet. Frühere Installationen wie Les Amants von 1991 oder das Triptychon Kafka-Zyklus kamen ohne Worte aus.


Beide: Ohne Titel, 1968-69
©Rebecca Horn / VG Bild-Kunst, Bonn 2004
Foto: Uwe H. Seyl

Während die jüngsten Raumarbeiten also deutliche lesbare, fast plakative Zeichen setzen, operieren die Zeichnungen - die mit dem Körper und um den Körper herum entworfenen Landschaften - mit Linie und Struktur. Damit fassen sie weniger einen Gegenstand, sondern umreißen eine Bewegung, einen Moment, und nicht zuletzt das 'Momentum', welches der vitale Kern jeder Arbeit Rebecca Horns ist.

Zwischen Skizze und Raumkonstruktion bestand von jeher ein enger Zusammenhang, wie vor allem die frühen Zeichnungen aus den siebziger Jahren belegen. In dieser Zeit waren es, wenn man so will 'Konstruktionszeichnungen' wie zu den 'Überströmern', mit denen Horn ihre Arbeit plante, und die im manchmal hastigen und stets dynamischen Rötel auf Papier immer wieder abstrakt erscheinen.



Schwarzer Flügelschlag, 2004
©Rebecca Horn / VG Bild-Kunst, Bonn 2004
Foto: Gunter Lepkowski

Die Düsseldorfer Ausstellung ermöglicht es, in der Interaktion aus Rauminstallation und Papierarbeit augenfällige und überraschende Überschneidungen über die Jahrzehnte hinweg sichtbar werden zu lassen. Betrachtet man eine Papierarbeit wie Schwarzer Flügelschlag aus dem Jahr 2004 und geht dann weiter zu der poetischen Installation Spiralbad, die mehr als zwanzig Jahre früher entstand, so ergibt sich ein erstaunlicher Gleichklang aus Bewegung: die eine unmittelbar erfahrbar, sich dem Quecksilber einschreibend, die andere kondensiert, als Spur ins Papier eingetragen. Beiden eignet das kreisförmige, spiralige Kreiseln um veränderliche Zentren, als ob sich hier eine waches und ungemein bewegliches Bewußtsein bei der Arbeit beobachten ließe, das auf seinem Weg durch die Welt flirrende Spuren hinterläßt.

Das Befragen der Welt anhand der Bewegung, das Durch-Sie-Hindurchbewegen und Registrieren; das Hinterlassen von Spuren und ihr Eintrag in unterschiedlichste Medien zeigt sich als Essenz der poetischen Forschungsarbeit Rebecca Horns.

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