In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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Es ist diese Aufspaltung, die ihre Arbeiten und ihre Schriften durchzieht – Bourgeois baut häufig Text in ihre Arbeiten ein und führt seit frühester Kindheit akribisch Tagebuch. Zerrissen zwischen dem Bedürfnis nach einem Helden, den sie demontieren könnte, und ihrem Wunsch danach, dem unverrückbaren Hindernis – der Geliebten ihres Vaters – "den Hals umzudrehen", ist Louise Bourgeois einem "gewaltsamen Wechselverhältnis" ausgesetzt. Wie es der Autor Rene Girard erklärt: "Das gewaltsame Wechselverhältnis ist das Agieren aus einer Rivalität heraus, wie zwischen Brüdern oder etwa Vater und Sohn, das nur durch das verwandtschaftliche Verhältnis sozial unter Kontrolle gehalten wird. Die Begriffe dieses gewaltsamen Austausches, 'Subjekt' und 'Objekt', verbinden sich in Rivalität." Zu ihrer 1968 gefertigten Skulptur Janus Fleuri notiert Bourgeois: "Der Gegensatz, den ich verspüre ergibt sich aus dem Drang nach extremer Gewalt und Auflehnung… und dem Wunsch nach Rückzug." Bourgeois’ Familie hielt diese Gefühle unter Verschluss – bis ihr Werk endgültig das Siegel brach.




Louise Bourgeois, Arched Figure, 2004
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke

In ihren Skulpturen und Installationen setzt Bourgeois Haken, Guillotinen und bildhauerische Schnitte wie Schindwerkzeuge ein, die auf einen Bruch mit der Vergangenheit hinweisen. Hierbei bezieht sich Bourgeois auf Vorfälle, die sie als junges Mädchen im Ersten Weltkrieg beobachtete. Damals kehrten unzählige Männer von den Schlachtfeldern als amputierte Krüppel heim. Körperteile tauchen regelmäßig als Gegenstand in ihren Arbeiten auf.



Feministische Kostümparty zu Ehren von Louise Bourgeois,
veranstaltet von Mary Beth Edelson und Ana Mendieta, 14. März 1979
Foto: Courtesy Mary Beth Edelson
©Mary Beth Edelson, 1979. All rights reserved.

Die feministische Künstlerin Adrian Piper formulierte es einmal so: Louise Bourgeois’ "Werk zieht uns in einen Raum, in dem wir der Dynamik von Macht und Kapitulation, geschlechtlicher Identität, der Verletzlichkeit des Körpers und der Beziehung zur Mutter unentrinnbar ausgeliefert sind. Diese Dynamik zwingt uns, unseren Status als unvollkommene Erwachsene zu erkennen". Bourgeois’ Beziehung zum Feminismus wird am besten durch Ereignisse der späten siebziger Jahre deutlich. Als Reaktion auf den von der feministischen Künstlerin Judy Chicago an Frauen im ganzen Land gerichteten Aufruf, feministische Dinner-Parties zu veranstalten, lud die Künstlerin Mary Beth Edelson 1979 die noch unbekannte Ana Mendieta als Mitveranstalterin zu einem feministischen Kostümfest zu Ehren von Louise Bourgeois in ihr Loft in Soho ein. Michelle Stuart und Joyce Kozloff kamen als Frieda Kahlo-Zwillingspaar, Ana Mendieta als Solo-Kahlo, Suzan Cooper verkleidete sich als Louise Bourgeois’ Mutter und Hannah Wilke und Louise Bourgeois kamen als sie selbst. Bourgeois steuerte den Champagner bei.



Louise Bourgeois, The Reticent Child, (Installation), 2003
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke


Louise Bourgeois, The Woven Child (page 1), 2003
Fabric and color lithograph book, 6 pages
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke

In ihrer aktuellen Ausstellung The Reticent Child (Das schweigsame Kind) in der New Yorker Galerie Cheim & Read bezieht sich Louise Bourgeois auf eine Skulptur, die sie 2003 ursprünglich für das Freud-Museum in Wien geschaffen hat, und die hier zum ersten Mal gezeigt wird. Als direkte Antwort auf diese Skulptur fertigte Bourgeois eine Folge von 82 Zeichnungen mit dem Titel Il était réticent. Mais je l’ai révélé . Die Zeichnungen variieren von Mischtechniken bis zu sich überlagernde Gitterstrukturen. Zugleich beziehen sich diese Arbeiten auf ihre Erinnerungen an die Bievre, die durch den Garten ihres Elternhauses im französischen Antony entlang führte, und an dem die Frauen die Tapisserien färbten und reinigten. Die gleichzeitig stattfindende Ausstellung bei Peter Blum mit dem Titel Ode a l’Oubli (2004) zeigt 36 Seiten einer limitierten Edition, die auf dem bestickten Buch The Woven Child (Das gewebte Kind) basiert, das Bourgeois kürzlich fertigte.




Louise Bourgeois, Almost a Nobody, (cover), 2004
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke

Cheryl Kaplan: In Ihrer aktuellen Ausstellung The Reticent Child ist auch eine Serie von 18 Zeichnungen zu sehen, die mit Almost a Nobody (Fast ein Niemand) betitelt ist. Der Titel ruft Emily Dickensons Gedicht ins Gedächtnis: "Ich bin Niemand, wer bist du?" Sie haben einmal gesagt: "Das Leben dreht sich um hohle Dinge."

Louise Bourgeois: Almost a Nobody verweist auf Treppen und die Vorstellung, dass man zum Erfolg aufsteigt. Ich interessiere mich für die Ambition von Menschen, ihre enorme Sehnsucht in der Welt zu existieren, jemand zu sein und Erfolg zu haben – manchmal um jeden Preis.


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