In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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Louise Bourgeois, Cell XXV
(The View of the World of the jealous WIFE), 2001
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke

CK: Zum ersten Mal sah ich Ihre Installation Cells 1993 auf der Biennale in Venedig und dann später im Museum of Modern Art in Oxford. Dabei dachte ich an den Dichter Ezra Pound der für 25 Tage in einem offenen Käfig eingesperrt wurde, als er im 2. Weltkrieg wegen Landesverrats angeklagt war. In ihrer Arbeit werden innere Zustände vor der Öffentlichkeit bloßgelegt. Zugleich haftet diesen Werken etwas Privates an. Auf welche Weise haben sich die Cells entwickelt, von den frühen Versionen der achtziger Jahre bis hin zu den späteren Fassungen, besonders in Hinsicht auf den Aspekt der öffentlichen und privaten Überwachung?

LB: Die Verwendung des Wortes "Cell" (Zelle), beruht auf der Tatsache, dass ich ein Gefangener meiner Erinnerungen bin. Die ursprüngliche Serie der Cells hing mit den fünf Sinnen und der Erinnerung zusammen und hatte nichts mit der Problematik von Erniedrigung und Gefangenschaft zu tun. Das Gefühl der Abkapselung, das die Zellen vermitteln, verweist auch auf die Vorstellung Probleme zu isolieren, um sie zu lösen. Außerdem möchte ich meine Grenzen erfahren und aus genau diesem Grund ziehe ich klaustrophobische Orte vor. Die Cells vermitteln auch den Gedanken, dass die Menschen voneinander isoliert sind, unfähig miteinander zu kommunizieren. Das ist die "conditio humana".

Ich musste eine Architektur erschaffen, die die Bandbreite dieser Objekte bewahrte, schützte und fixierte. Die Objekte in den Zellen sind zerbrechlich. Der Umstand, dass man in den meisten Fällen die Zellen nicht betreten kann, hängt damit zusammen, dass die Einrichtung so fragil ist. Das ist ein Problem, wenn sie öffentlich ausgestellt werden. Eigentlich würde ich es begrüßen, wenn die Leute hineingingen.



Louise Bourgeois, Cell (Choisy Two), 1995
Collection Anthony T. Podesta, Washington DC,
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Peter Bellamy

CK: In einer Ihrer Cell -Installationen mit dem Titel Choisy befinden sich die Guillotine und das Marmor-Haus (eine Nachbildung Ihres Elternhauses) in einer Art Patt-Situation. Das Beil der Guillotine ist kurz davor auf das ganze Haus herab zufallen, wird aber tatsächlich nie ausgelöst. Sie haben gesagt: "Die Guillotine wirkt auch im Familienkreis." In Ihrer Installation sieht der Betrachter allerdings nur die Außenfassade des Hauses. Eine private Hinrichtung droht öffentlich zu werden. Ihre Marmor-Skulptur She Fox zeigt eine geköpfte Füchsin, ein tiefer Schnitt zieht sich durch ihre Kehle. Sie haben geäußert, bei dem Fuchs handle es sich um Ihre Mutter, und trotz dieser Hinrichtung seien sie eine Bittstellerin: "Ich schneide ihren Kopf ab. Ich schlitze ihr die Kehle auf. Aber immer noch wünsche ich mir, dass sie mich mag. (...) Frauen sind Verlierer. Sie sind Bettlerinnen, trotz der Frauenbefreiung." Auf welche Weise verkörpert die Zelle Choisy das Dilemma der Gefangenschaft, während sich ja alle Mitglieder des Haushaltes in einem Zustand der ständigen Handlungsunfähig befinden? Sind alle Bewohner Opfer oder nur bestimmte Mitglieder des Haushaltes?


Louise Bourgeois Cell (Choisy), 1990-93
Collection Ydessa Hendeles Art Foundation, Toronto,
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Peter Bellamy

LB: Wie sämtliche meiner Darstellungen ist die Guillotine nicht realistisch. Sie ist eine Metapher dafür, wie die Gegenwart die Vergangenheit auslöscht. In der Zelle Choisy erschuf ich das Haus wieder, in dem ich gelebt habe, weil es nicht mehr länger existiert. Es gibt kein tatsächliches Opfer in dieser Arbeit, weil wir die Tatsache akzeptieren müssen, dass die Gegenwart die Vergangenheit zerstört, und es nichts gibt, was wir dagegen tun können.

CK: Ihre Arbeit Femmes Maison ist zugleich eine Serie von Skulpturen und Zeichnungen, die sich wortwörtlich auf ein "Frauen-Haus" bezieht. Während die Architektur ihrer Cells transparent ist, geht es bei Femmes Maison um das Verstecken.

LB: Als Bildhauerin interessiert mich der Raum – ganz gleich, ob er nun real oder imaginiert ist. Manchmal möchte ich mich verstecken, und manchmal möchte ich rausgehen und verführen.




Louise Bourgeois, Femme Maison, 1981
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto © by Peter Moore

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