In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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CK: Wie ist Ihr gegenwärtiges Verhältnis zum Feminismus? 1988 erzählten Sie dem Kunstkritiker Donald Kuspit, dass Feminismus von großer Bedeutung für Sie sei. Später entwickelten Sie in dieser Hinsicht gemischte Gefühle und assoziierten Feminismus mit Selbstbetrug. Im Gespräch mit Robert Storr äußerten Sie: "Es gibt keine feministische Ästhetik. (...) Die Frauen taten sich nicht zusammen, weil sie etwas gemeinsam hatten, sondern weil ihnen etwas fehlte." Im Gegensatz dazu schrieben Sie allerdings auch: "Mein Feminismus drückt sich in dem tiefen Interesse an dem aus, was Frauen tun."

LB: Ich glaube nicht an so etwas wie eine feministische Ästhetik. Viele der Gefühle die ich in meinen Arbeiten zum Ausdruck bringe sind "pre-gender" und bewegen sich außerhalb dieses Diskurses . Ich hatte das Glück, unter der Obhut meiner Mutter heranzuwachsen, die eine Feministin war, und glücklicherweise habe ich einen Mann geheiratet, der Feminist war, und ich habe zwei Söhne aufgezogen, die Feministen sind.

CK: Ein Bild von Lukas Cranach, einem Ihrer Lieblingskünstler, zeigt Lucretia, die dabei ist Selbstmord zu begehen, nachdem sie vergewaltigt wurde. Wie die meisten von Cranachs Frauendarstellungen ist Lucretia auf merkwürdige Weise sittsam, während sie zugleich extreme Gewalttätigkeit ausstrahlt. Das erinnert mich an Ihre Arbeit Child Abuse, die Sie 1982 im Magazin Artforum veröffentlichten. Im Mittelpunkt der Arbeit stand das Verhältnis Ihres Vaters zu seiner Geliebten Sadie Gordon Richmond.



Louise Bourgeois, The Reticent Child (detail), 2003
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke

LB: Die Veröffentlichung der Arbeit Child Abuse sollte sich ganz bewusst mit der Eröffnung meiner ersten großen Einzelausstellung in New York überschneiden. Das war mein Versuch, die Person hinter diesen Objekten zu erklären.

CK: Ihr 1974 entstandenes Werk Destruction of the Father ist eine Arbeit, die einem wirklich an die Nieren geht. Die Skulptur ist aus Hühner- und Lammknochen zusammengefügt und von Tumoren und Beulen überzogen. Sie ist gruselig und seltsam natürlich zugleich. Bei Destruction of the Father geht es darum, jemanden loszuwerden und gleichzeitig in der Nähe zu behalten. Zur Skulptur gehört eine Konstruktion, die an eine Krankenhaustrage erinnert. Inwieweit haben die Kindheitsbesuche, die Sie im ersten Weltkrieg Ihrem verwundeten Vater im Armeehospital abstatteten, diese Arbeit beeinflusst?

LB: Im ersten Weltkrieg habe ich meine Mutter begleitet, während sie von Lager zu Lager reiste, um in der Nähe meines Vaters zu sein. Ich spürte die Hysterie meiner Mutter. Die Bilder der Soldaten in den Zügen und im Krankenhaus haben sich in mein Gedächtnis eingegraben. Meine Angst, verlassen zu werden, ist sehr stark ausgeprägt und rührt sicher aus dieser Zeit.



CK: Was halten Sie als Mitglied der Demokraten von der kürzlich erfolgten Wiederwahl George Bushs besonders im Hinblick auf die Rechte der Frauen? Ich denke dabei an seine Befugnis, erzkonservative Richter für den "Supreme Court" zu ernennen.

Louise Bourgeois; The Destruction of the Father, 1974
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Rafael Lobato


LB: Die Wiederwahl George Bushs ist nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt bedauerlich. Das Leben wird auf Wirtschaftlichkeit reduziert. Gesellschaftliche Werte und die Lebensqualität stehen auf dem Spiel. Mit der zunehmenden Ungleichheit zwischen arm und reich, wächst auch der religiöse Fanatismus an. Ich glaube an die Trennung von Staat und Kirche. Mir bereitet vor allem die Umweltverschmutzung Sorgen; die Menschheit zerstört den Planeten und ist sich dessen gar nicht bewusst.

CK: Können Sie uns etwas zu ihrer 1947 entstandenen, neuenteiligen Serie von Stichen He Disappeared into Complete Silence erzählen?

LB: He Disappeared into Complete Silence wurde 1947 fertig gestellt und bedient sich der Architektur als Metapher für menschliche Beziehungen. Die darin enthaltenen Strukturen beziehen sich auf Holzfiguren, die ich damals geschnitzt habe.


Louise Bourgeois, Filette (Sweeter Version), 1968-1999
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke


CK: Die aufgehängten Figuren von Spiral Woman (1984) über Janus Fleuri (1968) bis hin zu Filette (Sweeter Version) (1968-99) sowie Arched Figure (2004) in ihrer aktuellen Ausstellung bei Cheim & Read pendeln zwischen Momenten der Gefahr und der Schönheit hin und her. Arched Figure hängt an einem seidenen Faden und schwingt auf und ab. Über ihre hängenden Figuren sagten Sie: "[Also] diese kleine Figur soll hängen (…) Sie dreht sich um sich selbst und kann ihre Linke nicht von ihrer Rechten unterscheiden. Was glauben Sie, wen sie darstellt? Sie stellt Louise dar. (…) Das bedeutet nichts anderes, als dass sie sie selbst ist, hängend, und auf wer weiß was wartend." Wie denken Sie heute über dieses in der Luft hängen?

LB: An einem einzigen Punkt aufgehängt zu sein, bedeutet in einem permanenten Zustand der Zerbrechlichkeit zu existieren. So fühle ich mich auch heute noch.


Copyright für die Antworten von Louise Bourgeois: Louise Bourgeois, 2004. All rights reserved.
Übersetzung: Maria Morais und Oliver Koerner von Gustorf


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