In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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Bei Trockel wird ein Konflikt sichtbar, der viele Künstlerinnen der Gegenwart beschäftigt. Schließlich rufen Arbeiten von Frauen fast immer eine doppelte Lesart hervor: Sobald in ihnen das Verhältnis von Frauen zum Kunstbetrieb angesprochen wird, sind sie Thema und Haltung zugleich. Niemand würde ein Selbstporträt von Max Beckmann daraufhin überprüfen, wie weit es einer allgemeinen Aussage über Männlichkeit entspricht. Dagegen werden Werke von Künstlerinnen allzu häufig danach befragt, ob sie für den Stellenwert von Frauen in der Gesellschaft repräsentativ sind. Anders gesagt: Männern räumt man problemlos ein Recht auf Individualität ein; Frauen hingegen werden als Künstlerinnen stets als Stellvertreterinnen des eigenen Geschlechts wahrgenommen.


Katharina Sieverding, Reproduktion 1976
Sammlung Deutsche Bank

Diese überaus fragwürdige Festlegung wird bei einer Reihe von zeitgenössischen Künstlerinnen gegen den Strich gebürstet. Wer heute mit Selbstporträts operiert, weiß um den Grad der Inszenierung: Nur das eigene Image lässt gestalterische Freiräume zu, ohne Rücksicht auf soziale Vorgaben nehmen zu müssen. Das wohl bekannteste Beispiel für ein solches Vorgehen ist Katharina Sieverding, die in diesem Jahr mit dem hochdotierten Kaiserring der Stadt Goslar ausgezeichnet wurde. Seit den späten sechziger Jahren basiert ihre Arbeit auf Fotos, die sie von sich selbst macht – oft sind es lediglich im Passautomaten angefertigte Aufnahmen ihres Gesichts, denen später tafelbildgroße Abzüge folgen. Die 1944 in Prag geborene Sieverding hat einen Look geprägt, bei dem Image und Aussage zusammenfallen: So wie Warhol hundertfach das Konterfei von Marilyn Monroe oder Jackie Kennedy zum Motiv seiner Siebdrucke machte, ist es ihre äußere Erscheinung, die sie in unendlichen Serien minimal variiert. Doch durch dieses Verfahren erreichen die Arbeiten einen ungeheuer hohen Grad an Abstraktion, oft erscheint das Gesicht nur mehr als ein Schema aus harten Konturen, die Sieverding mit kräftiger Schminke betont.

Durch die Überzeichnung ins Maskenhafte verliert das Porträt seinen privaten und persönlichen Ausdruck: Sieverding wird zum Role Model ihrer selbst. Mal dominiert die Diva in den Fotos, mal blitzt unter der Oberfläche das rätselhafte Gesicht einer Sphinx hervor, und manchmal scheint bei aller Femininität das Antlitz so entstellt und künstlich wie bei einer Drag Queen. Diese unentwegte Verwandlung nimmt Sieverding bewusst in Kauf: 1974 hat sie für die Serie Transformer eigene Fotos mit Selbstbildnissen ihres Lebenspartners Klaus Mettig so übereinander gelagert, dass durch die Montage androgyne Porträts entstanden. Indem die Künstlerin ihr Image dekonstruiert, macht sie es als Kunst kenntlich. Damit erweist sich Sieverding als strenge Wächterin über ihre Bilder, bei denen sie den subjektiven Anteil stets genau kontrolliert und objektiviert.


Katharina Sieverding, ID/IV-V, 1992
Sammlung Deutsche Bank

Obwohl auch Cindy Sherman mit Selbstporträts arbeitet, geht ihre Arbeit in die entgegen gesetzte Richtung. Ob in den Filmstills der siebziger Jahre, in Splatter-Szenen, Clowns-Serien oder in nachgestellten Frauenporträts aus vergangenen Jahrhunderten: Immer ist Sherman die Person, die sich unter der Maskerade versteckt. Dabei stand am Anfang eine rein praktische Erwägung, wie Sherman einmal im Interview erklärt hat: "Als Modell bin ich zu allem bereit, was ich mir abverlange". Wieder findet sich die Künstlerin in einer doppelten Rolle ein, ist Produzentin und Objekt zugleich. Tatsächlich benutzt die New Yorker Fotokünstlerin ihr Gesicht und ihren Körper, um ganz und gar zu einem befremdlichen Gegenüber zu werden. Aber auch hier ist die Darstellung des Anderen der Versuch, sich einer verallgemeinernden Sicht auf das Phänomen Frau visuell zu entziehen. Sherman zeigt, wie sehr sie in den verschiedenen Frauenrollen zur Fiktion wird – zu einem Phantom. In diesem Zusammenhang spricht die Kunsttheoretikerin Isabell Graw davon, dass Sherman selbst das Medium ihrer Aneignung ist: "Einerseits wird dadurch ein jeder Performance innewohnendes Risiko eingegangen: Das Risiko nämlich, sich körperlich zu exponieren und verletzbar zu werden. Andererseits wählt Sherman das Mittel der theatralischen Verkleidung und das Format der fotografischen Bildreproduktion, wodurch wiederum Distanz zu ihrer eigenen Person hergestellt wird".


Cindy Sherman: Untitled, aus "Für Joseph Beuys", 1986
Sammlung Deutsche Bank


Graws Feststellung scheint im Kern auf fast alle Künstlerinnen zuzutreffen, die Selbstporträts benutzen. Das Medium ist ein Mittel, um per Inszenierung auch das Konstrukt der damit einhergehenden Geschlechterrolle bloßzustellen. Man könnte es den "Madonna-Faktor" nennen, hat doch der Popstar von Beginn an immer neue Images geschaffen, um diese wenig später durch andere zu ersetzen. Als Frau ist Madonna ein Gefäß für Projektionen, ohne dass für den Betrachter ersichtlich wird, welche Haltung sie selbst gegenüber diesem Spektakel aus Narzissmus und Weiblichkeits-Mythen einnimmt. Offenbar hat Madonna daher auch an Cindy Shermans exemplarischem Vexierspiel einigen Gefallen gefunden – immerhin wurde deren Ausstellung "The Complete Untitled Film Stills" 1997 im MoMA von der Queen of Pop gesponsert.


Miwa Yanagi: White Casket, o. J.
Sammlung Deutsche Bank

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