In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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Heilige, Hure, Model, Vamp oder Hausfrau – die Gesellschaft hat für Frauen lauter Rollen parat, deren Uneindeutigkeit und Wechselhaftigkeit gerade für Künstlerinnen ein breites Spektrum an Images anbietet. Mariko Mori hat sich Mitte der neunziger Jahre als alienhafter Lustroboter und Comic-Girl inszeniert, als Abbild einer hedonistischen japanischen Konsumkultur und dabei vor allem einen Bruch mit dem fixen Bild der Frau vollzogen, die sich männlichen Zuschreibungen fügt. Mori wollte ihre eigene Erfindung sein, sie hat ihre Selbstporträts zusätzlich am Computer verfremdet, bis hin zu 3D-Animationsfilmen, in denen sie als gespenstische Geisha durch virtuelle Esoterik-Landschaften schwebt. Ähnlich puzzelt auch Miwa Yanagi an einer Fiktionalisierung japanischer Frauen, wenn sie in ihren Fotos, die Anfang des Jahres in einer großen Übersichtsschau der Deutschen Guggenheim zu sehen waren, als "Elevator-Girl" oder als "Grandmother" auftritt.



Miwa Yanagi: Ai, 2004,
Sammlung Deutsche Bank


Diesen rein zeichenhaften Inszenierungen steht wiederum bei Tracey Emin oder Elke Krystufek eine Suche nach Authentizität entgegen. Bei Emin, die mit den Young British Artists im Umfeld von Damien Hirst berühmt wurde, geht scheinbar alles in biografischen Details auf, wenn sie etwa die Namen all derer auf ein Zelt näht, mit denen sie geschlafen hat. Doch auch diese provozierende Aussage lässt sich nicht eindeutig sexuell interpretieren, da in der Auflistung plötzlich Personen aus dem Kindergarten auftauchen – wieder wird die Erwartung unterwandert, wird der vermeintliche Skandal als Wunsch der Öffentlichkeit nach billigen Klischees entlarvt. Das gilt auch für Krystufek, die sich in ihren Zeichnungen, Fotocollagen und Gemälden in immer neuen Variationen nackt porträtiert – und die mit diesen Aktbildern gezielt auf die österreichische Liebe zum angeblich so befreienden Mysterien-Theater von Hermann Nitsch oder auf die Kommunenpraxis von Otto Mühl anspielt. Krystufek stellt bloß, dass der weibliche Körper von männlichen Genies als Vorlage benutzt wurde, deshalb konfrontiert sie das seit Jahrhunderten unangetastete Ideal der in ihrer Nacktheit doch stets reinen Muse mit ebenso intimen wie obszönen Selbstzeugnissen.


Tracy Emin: Sometimes..., 2001,
Sammlung Deutsche Bank

Man kann den weiblichen Körper aber auch ganz verlassen, dann bleiben nur Modefarben und Design übrig. Oder die Versprechungen der Werbung. Diesen Weg geht Sylvie Fleury, wenn sie teure Prada -Schuhe und Shopping-Tüten zu minimalistischen Installationen drapiert. Das Ziel der 1961 in der Schweiz geborenen Künstlerin heißt "Costumizing", damit meint sie, dass Produkte vollständig den persönlichen Anforderungen angepasst werden sollen. Demnach wäre eine Frau bei Fleury die Summe ihres Konsums. In dieser Variante kehrt sich die Konstruiertheit des Geschlechts ironisch um: Denn ein Produkt besagt nichts über seine Besitzerin, es lässt vielmehr dort eine Leerstelle aufblitzen, wo die Reklame durch den Kauf erst Persönlichkeit verspricht. "Machen Sie mehr aus ihrem Typ!" wird bei Fleury konsequent auf eine Formel gebracht, hinter der jede reale Frau (und eben auch jeder Mann) verschwindet – im Nirvana des Stylings und der Ware. Damit ist sie gar nicht so weit von den Hitlisten des Kunstmarkts entfernt.

Sylvie Fleury: Ohne Titel, aus "Happy Clinique", 1998,
Sammlung Deutsche Bank

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