In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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Hält man sich dann vor Augen, dass am Ende des Studiums an einer Kunsthochschule noch die Hälfte aller Absolventen Frauen sind, so wird deutlich, dass da enormer Nachholbedarf besteht. Mit seinen Förderprogrammen setzt Goldrausch also da an, "wo empfindliche Lücken existieren", und zwar nicht nur beim Einkommen, sondern auch was die Teilnahme an namhaften Ausstellungen, die Vergabe von Preisen und Stipendien sowie die Berufungen auf Lehrstühle betrifft. Mit einem jährlichen Etat in Höhe eines niedrigen sechsstelligen Eurobetrages ausgestattet, bietet das Goldrausch Künstlerinnenprojekt Kurse zu Themen an wie beispielsweise Urheberrecht, Steuerrecht und Management. Die Goldrausch-Künstlerinnen lernen das Erstellen von Finanzierungsplänen ebenso wie "kommunikative Kompetenz", den "Umgang mit Institutionen", die Organisation von Ausstellungen und die Herstellung von Katalogen und individuellen Web-Sites.


Dellbrügge & de Moll: Moskau, 1999

Die Kurse sind kostenlos, aber man bzw. Frau muss sich um die Teilnahme bewerben und auch viel Zeit und Energie mitbringen, denn das Pensum ist in diesem einen Jahr erheblich. Das gilt auch für den Andrang: Um die fünfzehn Goldrausch-Plätze bewerben sich jedes Jahr an die 120 Künstlerinnen, die laut Ausschreibung "eine abgeschlossene Hochschul- bzw. Akademieausbildung als Bildende Künstlerin oder eine vergleichbare Qualifikation" vorweisen müssen. Darüber hinaus sollten die Bewerberinnen bereits über "erste Berufserfahrungen" verfügen und ihren Wohnsitz in Berlin haben. Eine Altersbegrenzung dagegen besteht nicht.

Aus dieser Gruppe wählt eine externe Fachjury aus Künstlerinnen, Kunstwissenschaftlerinnen und Kuratorinnen den nächsten Goldrausch-Jahrgang aus, wobei sowohl das "hohe Niveau der künstlerischen Arbeit" als auch die "sinnvolle Ergänzung der beruflichen Erfahrung durch das Kursprogramm" als Kriterien eine Rolle spielen. Und obwohl das Programm ausschließlich von Frauen und für Frauen konzipiert wurde - einzige Ausnahme: der Künstler Ralf de Moll, der 1991/92 mit seiner Partnerin Christiane Dellbrügge als Duo Dellbrügge/de Moll teilnahm -, hat Goldrausch mit dem Klischee einer kuscheligen, von der Außenwelt künstlich abgeschirmten, feministischen Nische tatsächlich rein gar nichts zu tun. Das zeigt ein Blick auf die Liste der bisherigen Teilnehmerinnen, unter denen sich viele klingende Namen der aktuellen Kunstszene befinden. So sind etliche Ehemalige wie Caro Suerkämper, Anne Berning, Heike Baranowski oder Annette Begerow auch in der Kunstsammlung der Deutschen Bank vertreten, und manche haben bereits eine internationale Karriere gemacht.



Maria Eichhorn: Vierzehn Zeichnungen, 1992

Monica Bonvicini, Goldrausch-Künstlerin im Jahrgang 1993/94 und heute Kunstprofessorin in Wien, wurde zur renommierten Biennale von Venedig eingeladen; Maria Eichhorn, Teilnehmerin an Kurs 1 von 1989/90, war 1997 bei der von Kasper König organisierten Ausstellung "Skulptur.Projekte" in Münster und der letzten Documenta in Kassel, sie lehrt inzwischen in Zürich; Ute Pleuger, auch von ihr besitzt die Deutsche Bank Arbeiten, war ebenfalls im ersten Goldrausch-Jahr dabei und unterrichtet derweil als Professorin Malerei an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle. Das Niveau ist bis in die Gegenwart erstaunlich hoch geblieben. In jedem Jahrgang gibt es Künstlerinnen, die größte Erwartungen wecken, derzeit etwa die Fotografin Carla Ahlander oder die Aktionskünstlerin Susanne Kutter, die zuletzt ein komplett eingerichtetes Wohnzimmer unter Wasser setzte und die langsame Flutung auf Video fest hielt, was neben ein paar echten Knalleffekten (die Elektrik!) auch wundervoll surreal-poetische Bilder von im grünlichen Dunkel sanft schwebenden Sitzgarnituren produzierte.


Susanne Kutter:
Flooded Home (2003), Video 65 min, Filmstills

Birgit Effinger, eine der beiden Leiterinnen des Goldrausch-Projekts, schildert ihre Erfahrungen der letzten Jahre daher auch recht selbstbewusst: "Ich glaube nicht, dass wir von außen als so irgendein komisches Frauenprojekt wahrgenommen werden. Jedes Mal, wenn wir unsere Abschlussausstellungen organisiert haben, kamen die Reaktionen darauf sehr prompt." Ausstellungsmacher erkundigen sich gezielt nach einzelnen Künstlerinnen, Galeristen melden Interesse an, andere Künstler und Künstlerinnen werden auf neue Kolleginnen aufmerksam. "Eine wichtiger Vorteil von Goldrausch ist seine Funktion als Info-Börse", sagt Effinger. "Im Kurs und in dessen Umfeld haben sich schon viele Netzwerke und Interessengemeinschaften gebildet, von denen die Künstlerinnen noch Jahre später profitieren."

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